Ein Stapel mit jungen KokosnĂŒssen - farblich verfremdet

Kanonenkugeln fallen vom Himmel

KokosnĂŒsse sind gefĂ€hrlicher als Hai-Angriffe oder wie man den Bezug zur RealitĂ€t verliert

Das Thema ist nicht neu, allerdings nach wie vor topaktuell, wie ich feststellen musste. Vor ein paar Tagen schoss mir plötzlich eine dieser Headlines durch den Kopf: „KokosnĂŒsse sind gefĂ€hrlicher als Hai-Angriffe“.

So oder so Ă€hnlich habe ich sie schon des Öfteren irgendwo gelesen. Du bestimmt auch. Bis dato hatte ich mich allerdings noch nicht weiter mit dieser Thematik beschĂ€ftigt, aber nun gab es einen Grund. Ich hatte nĂ€mlich einen persönlichen Bezug.

Alles begann mit einem blöden Affen

Ein blöder Affe hĂ€tte mir beinahe mit so einem Teil den SchĂ€del gespalten! Eine tödliche Gefahr, mit der ich niemals gerechnet hĂ€tte. Das spielte fĂŒr die Gefahr und den Affen allerdings keine Rolle. Ich stand lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Besagter Primat hatte die Frucht irgendwo erbeutet und schickte sich nun an, die harte Schale zu knacken, um an das nahrhafte Fruchtfleisch zu gelangen. Er wusste genau, wie er dies zu bewerkstelligen hatte. Stumpfe Gewalteinwirkung auf kleiner FlĂ€che, das hatte er gelernt, wie und wo auch immer. Also flugs auf einen Baum geklettert und die harte Nuss aus großer Höhe gen Boden geschleudert. Ob ich oder sonst wer im Weg stand, interessierte den Klettermaxe nicht die Bohne.

Thematische ErlĂ€uterung: Die Viecher sind selbstbewusst, dreist und respektlos. Sie haben, zumindest hier in Ubud-Bali, keine natĂŒrlichen Feinde. Sie nehmen sich schneller, als Du gucken kannst, alles, was sie wollen oder meinen, irgendwie gebrauchen zu können. Insbesondere bei Nahrung werden keine Gefangenen gemacht. Unter ihresgleichen wird zumindest noch gekĂ€mpft; es gibt eine Rangordnung, soziale Regeln – oder es gilt: Der Schnellere gewinnt. Aber Touristen sind die perfekten Opfer.

Ich habe schon beobachtet, wie die Makaken innerhalb von Sekunden einen Touri abrippen. Hierzu greifen sie zielgerichtet und hoch effektiv im Rudel an, Ă€hnlich den Taschendieben auf dem Weihnachtsmarkt. Der ahnungslose Futterbeutel latscht mit der EinkaufstĂŒte durch ihre Hood: Ein schwerer Fehler.

Ein junger Affe (Makake) hĂ€ngt ĂŒber einen Ast gelehnt

Das eingespielte Team nutzt unverzĂŒglich die Chance. Pusher und Diebe machen sich bereit: Die Rollen sind klar verteilt, alles geht blitzschnell. Der Touri ist seine TĂŒte los. Falls er sich nicht sofort von seinem Besitz trennen will, wird die PlastiktĂŒte einfach aufgerissen. Kein Chance fĂŒr den TraumtĂ€nzer. Hier regiert das Gesetz der Natur. So etwas ist der Homo Sapiens nicht mehr gewohnt. Die Affen halten sich nicht an Regeln. Jedenfalls nicht an die, die von den dusseligen Menschen gemacht wurden.

Die Bilanz: Ein verdutzter Tourist, der immer noch nicht begriffen hat, was da gerade mit ihm geschehen ist, und das Überfallkommando, das sich lĂ€ngst um die Beute schlĂ€gt. Denn nach dem gelungenen Coup löst sich die Diebesbande sofort auf. Jetzt heißt es wieder: Jeder gegen jeden.

Hart am Leben vorbei geschrammt

ZurĂŒck zu meinem (fast) tödlichen Unfall: Bum, krach, peng! Die braune, haarige Riesennuss schlug nur wenige Zentimeter von mir entfernt krachend auf den harten Boden. Ein amtlicher Schrecken durchfuhr meinen Körper. Was war das denn? Eine junge Balinesin in sicherer Entfernung fand das irgendwie lustig und lachte entsprechend.

Langsam checkte ich auch die Sachlage. Das Ding verfehlte meinen Kopf nur um wenige Millimeter. Das hÀtte auch anders ausgehen können, rekapituliere ich noch verwirrt. Derweil hatte mein genetisch Anverwandter die geöffnete Frucht bereits eingesackt und abtransportiert.

Dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe gesprungen

Ja, und genau in diesem Moment sind mir diese Headlines mit den “Todesopfern durch KokosnĂŒsse” plötzlich ganz real und plausibel vorgekommen. Obwohl es sich bei diesem Ereignis nicht um eine „natĂŒrlich“ gefallene Kokosnuss handelte. Immerhin konnte ich dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe springen. Aber die Gedanken an dieses fĂŒr mich außergewöhnliche Ereignis haben mich noch den ganzen Tag begleitet. Verdammter Affe!

Aber ehrlich gesagt: Es war fĂŒr mich jetzt nicht wirklich so ein Drama, wie ich es gerade dargestellt habe. Ich rechne nĂ€mlich immer mit dem Tod oder einem schlimmeren Ereignis. Diese Taktik bewahrt mich vor unliebsamen Überraschungen. Es trifft doch immer irgendwen oder irgendwas. Das ist ein vollkommen normaler und natĂŒrlicher Vorgang. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit kennt kein Erbarmen. Irgendwann ist jeder dran. „Ist die Zeitkoordinate nur lang genug, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit auf 0“.

Theoretisch ist das auch den meisten Menschen bewusst, jedenfalls mehr oder weniger. Sie wollen es nur nicht akzeptieren, oder vielleicht ein bisschen, aber auf keinen Fall fĂŒr sie persönlich. Ich vermute, deshalb ist dann bei diesen Menschen auch die Betroffenheit so groß, wenn ihnen oder ihrem Umfeld ein UnglĂŒck widerfĂ€hrt.

Der Kern der Geschichte

WĂ€re es nicht eine phantastische Vorstellung, wenn mir die Gefahr bereits im Vorfeld bewusst gewesen wĂ€re? Damit meine ich natĂŒrlich nicht nur diese, sondern jede Gefahr. Also wenn es, so eine Art kollektives Bewusstsein geben wĂŒrde, das bei mir frĂŒhzeitig einen Alarm ausgelöst hĂ€tte?

Ist das Utopie oder die Zukunft, ich hab keine Ahnung. Bei den Borg1 funktioniert das aber auch. Und selbst Ratten oder Kakerlaken sind, zumindest in diesem Bereich, genetisch wesentlich besser ausgerĂŒstet als wir Menschen. Wahrscheinlich ebenfalls auch noch einige andere Tierarten und Pflanzen, die ich aber nicht benennen kann.

Die borg-Königin und Data vor einer futoristischen Kulisse

Dem Menschen nutzt aber beim Abwenden einer im unbekannten Gefahr die kollektive Erfahrung rein gar nichts. Das schöne große Gehirn ist dann vollkommen nutzlos. Klar, wir können uns Informieren und lernen, das ist aber im Vergleich zur Tierwelt sehr zeitaufwendig und ineffektiv.

In den folgenden Tagen sind ĂŒbrigens noch einige andere Sachen vom Himmel gefallen, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Die Schalen von abgenagten FrĂŒchten, Pippi, Kacka, Kerne von Steinobst und all der gesammelte MĂŒll, fĂŒr den die Affen dann doch keine Verwendung mehr hatten.

Ab und an kann es auch mal passieren, dass Dich so ein haariges Teil anspringt. Sie wollen Dich nicht angreifen oder beißen, jedenfalls nicht sofort. Die Makaken möchten nur genau prĂŒfen und sich persönlich davon ĂŒberzeugen, ob Du nicht vielleicht doch irgendwas Essbares vor ihnen verheimlichst.

HÀtte ich das alles bereits am ersten Tag gewusst und nicht erst am dritten, wÀre ich von Anfang an sicher durch das Territorium der Viecher marschiert. Genau so wie die Balinesin, die lachend meinem (fast) Unfall beiwohnte. Soweit die Theorie, aber stimmt das auch?

Das Paradoxon der persönlichen Risikoanalyse

Warum klafft zwischen der realen Gefahr und der persönlichen Risikoanalyse eine so große Kluft? Ist das nicht total paradox? Abstrakte Ängste bestimmen unser tĂ€gliches Handeln und den Alltag. Das tatsĂ€chliche, real existierende Risiko, wird dagegen vollkommen ausgeblendet oder auf wundersame Weise „unsichtbar“.

ÜberschĂ€tzte Gefahr und Angstauslöser:

  • Schweinegrippe, HĂŒhnergrippe, Vogelgrippe
  • Haie, BĂ€ren, Schlangen, Spinnen
  • AuslĂ€nder, Asylbewerber
  • Wirtschaftskrisen, Inflation, Geldentwertung, steigende Butterpreise
  • Last but not least: Der Terrorismus (eine der schlimmsten Ängste)

Die wahren Killer:

  • Herz- Kreislauferkrankung
  • Bewegungsmangel, Fettleibigkeit
  • Alkoholismus, Tabaksucht, TablettenabhĂ€ngigkeit

NatĂŒrlich sind die aufgefĂŒhrten „Angstauslöser“ existent und fordern ihre Opfer, allerdings stehen sie in keinem VerhĂ€ltnis zu den daraus resultierenden Ängsten. Theoretisch mĂŒssten ja eigentlich „die wahren Killer“, die uns tĂ€glich mit Zahlen und Fakten belegt werden und allgegenwĂ€rtig sind, sofortige Panik bei allen auslösen. Ungebremster Handlungswille und Aktionismus wĂ€re angesagt. Jeder mĂŒsste unermĂŒdlich versuchen, die EinflĂŒsse, die uns umbringen, abzuwenden.

Eine todbringende Pandemie

Wenn ich jetzt alle Fakten zusammenfasse und mir zum Beispiel das alte Sprichwort “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” ansehe, stelle ich Folgendes fest: Das ist grundsĂ€tzlich totaler Joghurt. Es trifft auf den Menschen höchstens selektiv, aber auf keinen Fall grundsĂ€tzlich zu.

Eine todbringende Pandemie rafft uns alle schleichend und stetig dahin. Nein, natĂŒrlich nicht Ebola, denn davor haben wir ja alle2 panische Angst. Es ist ein anderer Virus, der, so glaube3 ich, noch nicht benannt oder klassifiziert wurde.

Symptome und Krankheitsverlauf

Erste Symptome: Fakten, Sachverhalte und Erkenntnisse verschwinden im Nebel, der persönliche Horizont wird radikal eingeschrÀnkt. Weiterer Krankheitsverlauf: Vollkommen unlogische Entscheidungen und absolut irrationales Verhalten in selektiv ausgewÀhlten Lebensbereichen. (Komisch, hört sich fast an wie Alzheimer, ist es aber nicht.)

Und ja, natĂŒrlich: Ich bin ebenfalls infiziert, wie gruselig! Folglich hĂ€tte mir also dieses ganze kollektive Borg-Wissen ĂŒberhaupt nichts gebracht. Als Mensch in der heutigen Version wĂŒrde ich die Informationen schlicht und ergreifend nicht verarbeiten oder nutzen. EvolutionĂ€r gesehen ist das ein Trauerspiel.

NebenkriegsschauplÀtze und Schlupflöcher

Aber warum sind wir nur so, wie wir sind? Warum suchen wir uns lieber ein Schlupfloch, egal was es kostet, als zum Beispiel die ErnĂ€hrung oder die persönlichen LebensumstĂ€nde zu Ă€ndern und das Problem zu lösen? Weshalb regen wir uns lieber kollektiv in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ĂŒber NebenkriegsschauplĂ€tze und Nichtigkeiten auf, als konsequent im eigenen Handlungsbereich zu sein? Wieso ist den meisten, “die Gesundheit sooo wichtig” aber die „lieb gewordenen“ (schlechten) Gewohnheiten werden mit allen Mitteln verteidigt?

Mein persönliches Ursachen-Ranking:

  • Egoismus
  • Faulheit und Bequemlichkeit (Acedia – Eine TodsĂŒnde)
  • Genusssucht (Luxuria – Eine TodsĂŒnde)
  • Wahre Dummheit (Da kann man nix machen)
  • Unwissenheit (Heutzutage? Das geht echt nicht mehr)

Erlösung von dem Übel

Nein, ich habe nicht wirklich eine Lösung, tut mir Leid! Ich bin ja kein Wissenschaftler, und außerdem hatte ich wieder mal keine Lust, eine fundierte Recherche anzustellen. Auch das tut mir Leid, wenigstens ein wenig. Abgesehen davon wĂŒrde das, glaube ich, auch nichts bringen. Bei dieser Kokosnuss-Geschichte geht es ja lediglich um das eigenartige Zusammenspiel von RealitĂ€t, Angst und der daraus resultierenden, persönlichen Entscheidung. Genaue Zahlen sind fĂŒr die Darstellung des Problems vollkommen irrelevant.

Homo sapiens VX.x

Aber wir ĂŒberleben den ganzen Wahnsinn ja irgendwie. Vielleicht muss das ja auch alles so sein, damit wir nicht total durchdrehen, weil unser begrenzter Verstand einfach nur selektiv denken kann. Trotzdem, ich wĂŒnsche mir schon, dass die Menschheit noch mal ’ne Schippe drauflegt. Vielleicht dann im nĂ€chsten Major Release. Oder im ĂŒbernĂ€chsten.


Fußnoten:

1. Wir sind die Borg! Die Existenz, wie sie sie kennen, endet hiermit. Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufĂŒgen. (So oder so Ă€hnlich, ich muss zugeben, ich bin keine Trekkie.)
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2. Mit “alle” sind natĂŒrlich wir Menschen in der westlichen Welt gemeint. Ich möchte weder Ebola runterspielen, noch die Menschen in den tatsĂ€chlich betroffenen Gebieten diffamieren. Ganz im Gegenteil, ich finde es sehr traurig und beschĂ€mend, dass wir (speziell die Pharmakonzerne) nicht mehr Hilfestellung leisten. Meistens liegen die Ursachen fĂŒr dieses Handeln in rein wirtschaftlichen Interessen.
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3. Die Faktenlage habe ich natĂŒrlich nicht recherchiert. Es kann also sein, dass ich (wie immer möglich) total falsch liege. Vielleicht gibt es ja sogar schon ein Heilmittel, wer weiß.
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Der blick schweift ĂŒber ein grĂŒnes, weites Reisfeld mit vielen kleinen FĂ€hnchen um die Reisdiebe zu verscheuchen

Die ChimÀre auf dem Reisfeld

Das gruselige Mysterium

Dem balinesischen Horror auf der Spur

In meiner ersten Unterkunft auf Bali – oder besser gesagt, im Umfeld meiner ersten Unterkunft – gab es allerhand Viecher und Getier. Einerseits kommen die lieben Tiere Dich in Deiner Bude besuchen, andererseits hörst Du manchmal auch nur die Laute, die sie von sich geben. Ich vermute, meistens handelt es sich dabei um irgendwelche Paarungsrufe oder Kampfansagen. Die simple Ursache ist eigentlich immer gleich: Es geht um den Erhalt der Art.

Viele dieser Sounds sind mir als deutscher Stadtmensch natĂŒrlich vollkommen unbekannt. Entsprechend hoch ist anfangs der Aufmerksamkeits-Level. Mit der Zeit gewöhnst Du Dich natĂŒrlich an die neue GerĂ€uschkulisse. Nach und nach kannst Du dann auch bestimmte Rufe den entsprechenden Tieren zuordnen.

Allerdings gibt es ja auch noch die scheuen Genossen, die Du nicht so einfach zu Gesicht bekommst, aber trotzdem hörst. Zum Beispiel die Zikaden1 . Die kleinen Viecher machen im VerhĂ€ltnis zu ihrer KörpergrĂ¶ĂŸe ein wirklich unvorstellbares Getöse. Einige ihrer Artgenossen ebenfalls, aber die kann ich leider nicht benenn, weil ich sie ja nie gesehen habe.

Alles zu seiner Zeit

Eines der ersten Dinge, die Du in diesem Zusammenhang lernst, ist das zeitliche Muster. Die meisten Tiere haben so ihre natĂŒrlichen Stoßzeiten. Keine Ahnung, warum sie sich am Tag so aufteilen, aber dafĂŒr gibt es bestimmt eine biologische ErklĂ€rung. Und, das war allerdings keine große Überraschung: Der Ruf des Hahns (Plural) ertönt mit Sonnenaufgang, also hier aktuell zwischen fĂŒnf und halb sechs. Darauf ist Verlass. Der Bursche (Plural) nimmt seinen Job sehr ernst. Da wird keine Ausnahme gemacht, auch nicht am Wochenende.

Wissen und Vermutung

Nach einer gewissen Zeit ergibt sich dann ein Mischmasch aus Wissen und Vermutung. Bei der ganzen Geschichte hat mich aber ein Ruf ganz besonders fasziniert und gleichermaßen verwirrt. Immer wieder bin ich aufgestanden, auf meinen Balkon gewatschelt und habe versucht, einen Zusammenhang herzustellen.

Es klingt wie eine gruselige Kombination aus Mensch und Tier. Jedes Mal, wenn ich mir sicher war, dass es sich um einen (mindestens verrĂŒckten) Menschen handelt, habe ich meine EinschĂ€tzung alsbald revidiert. Nein, es muss ein Tier sein, so krass und crazy ist kein Mensch, jedenfalls nicht in diesem Intervall, und auch noch den ganzen Tag lang. Und wenn es doch ein Mensch sein sollte, wĂ€re es dann ein Mann oder eine Frau?

Sechs Wochen Ungewissheit

Es hat dann tatsĂ€chlich sechs Wochen gedauert, bis ich dem geheimnisvollen GerĂ€usch auf die Schliche gekommen bin. Ich war nĂ€mlich nahe genug an der Quelle, um es gut zu hören, aber zu weit entfernt, um den Verursacher zu sehen oder eine KausalitĂ€t herzustellen. Eines Tages hatte ich dann aber GlĂŒck, und ich wurde nicht enttĂ€uscht. Ich lag mit meiner unqualifizierten EinschĂ€tzung goldrichtig. Die Antwort war, zumindest fĂŒr mich als Touri, echt faszinierend.

Verantwortlich fĂŒr dieses merkwĂŒrdige GerĂ€usch ist eine alte Frau, die auf ihrem Reisfeld die kleinen Vögel verscheucht, die den fast erntereifen Reis wegfuttern. Zu diesem Zweck ahmt sie den Ruf von KrĂ€hen (oder etwas in der Art) nach, die fĂŒr die Reisdiebe eine natĂŒrliche Gefahr darstellen. ZusĂ€tzlich unterstĂŒtzt sie diese Aktion, in dem sie ein ausgebufftes System von kleinen FĂ€hnchen in Bewegung versetzt. Diese FĂ€hnchen sind mit einer Schnur und flexiblen Verbindungspunkten ĂŒber mehrere hundert Meter miteinander verbunden.

Eine menschliche Vogelscheuche

Die Dame ist also so eine Art “menschliche Vogelscheuche”, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihr Reisfeld bewacht und die kleinen gefiederten Nassauer verscheucht. Allerdings kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es jetzt wirklich ihr Reisfeld ist oder nicht. Aber ich wurde, wie immer hier auf Bali, von ihr sehr freundlich empfangen. Nachdem ich ihr zugewunken hatte, schenkte sie mir ein LĂ€cheln und winkte zurĂŒck. Sie gab mir mit entsprechenden Handzeichen zu verstehen dass ich herzlich willkommen sei. Die folgende Kommunikation wurde dann auch mit Zeichen, LĂ€cheln und Gesten bewerkstelligt. Eine gemeinsame sprachliche Basis war natĂŒrlich nicht vorhanden.

Ihr Zuhause kann man, glaube ich, treffend mit “bescheiden” beschreiben, zumindest fĂŒr westliche VerhĂ€ltnisse. Alles befindet sich auf engstem Raum. Eigentlich wollte ich noch mehr Fotos machen, aber irgendwie kam ich mir dabei komisch vor und habe schließlich darauf verzichtet. Ich habe ja zumindest das Video (mit dem sie auch einverstanden war) und ein paar SchnappschĂŒsse. Das muss reichen.

Mensch und Tier auf engstem Raum

ErgĂ€nzende Infos in Worten: Mehrere (sehr) kleine HĂŒtten oder VerschlĂ€ge stehen hier auf engstem Raum. Das GelĂ€nde ist uneben; Du musst stĂ€ndig irgendwelche Höhenunterschiede ĂŒberwinden. Die einzelnen Regionen sind klar aufgeteilt, aber auch irgendwie miteinander verbunden: Wohnbereich, Schweinestall und eine Kochnische, die direkt an die restliche Konstruktion angrenzen. Ich sehe einen großen Topf, der mit Holz befeuert wird; es qualmt mĂ€chtig.

Die Schweine sind in einem separaten Stall untergebracht. HĂŒhner und Enten laufen kreuz und quer durch die Gegend. Den Ausscheidungen der Tiere kann Deine Nase nicht entgehen. Mehrfach bleibe ich irgendwo hĂ€ngen oder stoße mir den Kopf (ich bin einfach zu groß fĂŒr diese kleine Welt). Der Boden besteht aus Schlamm und Erde, und ich hĂ€tte mich zwei Mal beinahe auf die Nase gelegt. Die alte Dame bewegt sich allerdings erstaunlich sicher auf ihrem Terrain, auch ohne Schuhe.

Das war eine kleine, aber sehr interessante Erfahrung, jedenfalls fĂŒr mich. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen oder wĂ€re ĂŒberhaupt auf den Gedanken gekommen, dass es etwas in dieser Art ĂŒberhaupt gibt: Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag “komische” GerĂ€usche machen und Vögel verscheuchen.


Fußnoten:

1. Genauer gesagt, die Singzikaden, die anderen hört der Mensch wohl nicht. Wikipedia
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