Ein Stapel mit jungen Kokosnüssen - farblich verfremdet

Kanonenkugeln fallen vom Himmel

Kokosnüsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe oder wie man den Bezug zur Realität verliert

Das Thema ist nicht neu, allerdings nach wie vor topaktuell, wie ich feststellen musste. Vor ein paar Tagen schoss mir plötzlich eine dieser Headlines durch den Kopf: „Kokosnüsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe“.

So oder so ähnlich habe ich sie schon des Öfteren irgendwo gelesen. Du bestimmt auch. Bis dato hatte ich mich allerdings noch nicht weiter mit dieser Thematik beschäftigt, aber nun gab es einen Grund. Ich hatte nämlich einen persönlichen Bezug.

Alles begann mit einem blöden Affen

Ein blöder Affe hätte mir beinahe mit so einem Teil den Schädel gespalten! Eine tödliche Gefahr, mit der ich niemals gerechnet hätte. Das spielte für die Gefahr und den Affen allerdings keine Rolle. Ich stand lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Besagter Primat hatte die Frucht irgendwo erbeutet und schickte sich nun an, die harte Schale zu knacken, um an das nahrhafte Fruchtfleisch zu gelangen. Er wusste genau, wie er dies zu bewerkstelligen hatte. Stumpfe Gewalteinwirkung auf kleiner Fläche, das hatte er gelernt, wie und wo auch immer. Also flugs auf einen Baum geklettert und die harte Nuss aus großer Höhe gen Boden geschleudert. Ob ich oder sonst wer im Weg stand, interessierte den Klettermaxe nicht die Bohne.

Thematische Erläuterung: Die Viecher sind selbstbewusst, dreist und respektlos. Sie haben, zumindest hier in Ubud-Bali, keine natürlichen Feinde. Sie nehmen sich schneller, als Du gucken kannst, alles, was sie wollen oder meinen, irgendwie gebrauchen zu können. Insbesondere bei Nahrung werden keine Gefangenen gemacht. Unter ihresgleichen wird zumindest noch gekämpft; es gibt eine Rangordnung, soziale Regeln – oder es gilt: Der Schnellere gewinnt. Aber Touristen sind die perfekten Opfer.

Ich habe schon beobachtet, wie die Makaken innerhalb von Sekunden einen Touri abrippen. Hierzu greifen sie zielgerichtet und hoch effektiv im Rudel an, ähnlich den Taschendieben auf dem Weihnachtsmarkt. Der ahnungslose Futterbeutel latscht mit der Einkaufstüte durch ihre Hood: Ein schwerer Fehler.

Ein junger Affe (Makake) hängt über einen Ast gelehnt

Das eingespielte Team nutzt unverzüglich die Chance. Pusher und Diebe machen sich bereit: Die Rollen sind klar verteilt, alles geht blitzschnell. Der Touri ist seine Tüte los. Falls er sich nicht sofort von seinem Besitz trennen will, wird die Plastiktüte einfach aufgerissen. Kein Chance für den Traumtänzer. Hier regiert das Gesetz der Natur. So etwas ist der Homo Sapiens nicht mehr gewohnt. Die Affen halten sich nicht an Regeln. Jedenfalls nicht an die, die von den dusseligen Menschen gemacht wurden.

Die Bilanz: Ein verdutzter Tourist, der immer noch nicht begriffen hat, was da gerade mit ihm geschehen ist, und das Überfallkommando, das sich längst um die Beute schlägt. Denn nach dem gelungenen Coup löst sich die Diebesbande sofort auf. Jetzt heißt es wieder: Jeder gegen jeden.

Hart am Leben vorbei geschrammt

Zurück zu meinem (fast) tödlichen Unfall: Bum, krach, peng! Die braune, haarige Riesennuss schlug nur wenige Zentimeter von mir entfernt krachend auf den harten Boden. Ein amtlicher Schrecken durchfuhr meinen Körper. Was war das denn? Eine junge Balinesin in sicherer Entfernung fand das irgendwie lustig und lachte entsprechend.

Langsam checkte ich auch die Sachlage. Das Ding verfehlte meinen Kopf nur um wenige Millimeter. Das hätte auch anders ausgehen können, rekapituliere ich noch verwirrt. Derweil hatte mein genetisch Anverwandter die geöffnete Frucht bereits eingesackt und abtransportiert.

Dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe gesprungen

Ja, und genau in diesem Moment sind mir diese Headlines mit den “Todesopfern durch Kokosnüsse” plötzlich ganz real und plausibel vorgekommen. Obwohl es sich bei diesem Ereignis nicht um eine „natürlich“ gefallene Kokosnuss handelte. Immerhin konnte ich dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe springen. Aber die Gedanken an dieses für mich außergewöhnliche Ereignis haben mich noch den ganzen Tag begleitet. Verdammter Affe!

Aber ehrlich gesagt: Es war für mich jetzt nicht wirklich so ein Drama, wie ich es gerade dargestellt habe. Ich rechne nämlich immer mit dem Tod oder einem schlimmeren Ereignis. Diese Taktik bewahrt mich vor unliebsamen Überraschungen. Es trifft doch immer irgendwen oder irgendwas. Das ist ein vollkommen normaler und natürlicher Vorgang. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit kennt kein Erbarmen. Irgendwann ist jeder dran. „Ist die Zeitkoordinate nur lang genug, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit auf 0“.

Theoretisch ist das auch den meisten Menschen bewusst, jedenfalls mehr oder weniger. Sie wollen es nur nicht akzeptieren, oder vielleicht ein bisschen, aber auf keinen Fall für sie persönlich. Ich vermute, deshalb ist dann bei diesen Menschen auch die Betroffenheit so groß, wenn ihnen oder ihrem Umfeld ein Unglück widerfährt.

Der Kern der Geschichte

Wäre es nicht eine phantastische Vorstellung, wenn mir die Gefahr bereits im Vorfeld bewusst gewesen wäre? Damit meine ich natürlich nicht nur diese, sondern jede Gefahr. Also wenn es, so eine Art kollektives Bewusstsein geben würde, das bei mir frühzeitig einen Alarm ausgelöst hätte?

Ist das Utopie oder die Zukunft, ich hab keine Ahnung. Bei den Borg1 funktioniert das aber auch. Und selbst Ratten oder Kakerlaken sind, zumindest in diesem Bereich, genetisch wesentlich besser ausgerüstet als wir Menschen. Wahrscheinlich ebenfalls auch noch einige andere Tierarten und Pflanzen, die ich aber nicht benennen kann.

Die borg-Königin und Data vor einer futoristischen Kulisse

Dem Menschen nutzt aber beim Abwenden einer im unbekannten Gefahr die kollektive Erfahrung rein gar nichts. Das schöne große Gehirn ist dann vollkommen nutzlos. Klar, wir können uns Informieren und lernen, das ist aber im Vergleich zur Tierwelt sehr zeitaufwendig und ineffektiv.

In den folgenden Tagen sind übrigens noch einige andere Sachen vom Himmel gefallen, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Die Schalen von abgenagten Früchten, Pippi, Kacka, Kerne von Steinobst und all der gesammelte Müll, für den die Affen dann doch keine Verwendung mehr hatten.

Ab und an kann es auch mal passieren, dass Dich so ein haariges Teil anspringt. Sie wollen Dich nicht angreifen oder beißen, jedenfalls nicht sofort. Die Makaken möchten nur genau prüfen und sich persönlich davon überzeugen, ob Du nicht vielleicht doch irgendwas Essbares vor ihnen verheimlichst.

Hätte ich das alles bereits am ersten Tag gewusst und nicht erst am dritten, wäre ich von Anfang an sicher durch das Territorium der Viecher marschiert. Genau so wie die Balinesin, die lachend meinem (fast) Unfall beiwohnte. Soweit die Theorie, aber stimmt das auch?

Das Paradoxon der persönlichen Risikoanalyse

Warum klafft zwischen der realen Gefahr und der persönlichen Risikoanalyse eine so große Kluft? Ist das nicht total paradox? Abstrakte Ängste bestimmen unser tägliches Handeln und den Alltag. Das tatsächliche, real existierende Risiko, wird dagegen vollkommen ausgeblendet oder auf wundersame Weise „unsichtbar“.

Überschätzte Gefahr und Angstauslöser:

  • Schweinegrippe, Hühnergrippe, Vogelgrippe
  • Haie, Bären, Schlangen, Spinnen
  • Ausländer, Asylbewerber
  • Wirtschaftskrisen, Inflation, Geldentwertung, steigende Butterpreise
  • Last but not least: Der Terrorismus (eine der schlimmsten Ängste)

Die wahren Killer:

  • Herz- Kreislauferkrankung
  • Bewegungsmangel, Fettleibigkeit
  • Alkoholismus, Tabaksucht, Tablettenabhängigkeit

Natürlich sind die aufgeführten „Angstauslöser“ existent und fordern ihre Opfer, allerdings stehen sie in keinem Verhältnis zu den daraus resultierenden Ängsten. Theoretisch müssten ja eigentlich „die wahren Killer“, die uns täglich mit Zahlen und Fakten belegt werden und allgegenwärtig sind, sofortige Panik bei allen auslösen. Ungebremster Handlungswille und Aktionismus wäre angesagt. Jeder müsste unermüdlich versuchen, die Einflüsse, die uns umbringen, abzuwenden.

Eine todbringende Pandemie

Wenn ich jetzt alle Fakten zusammenfasse und mir zum Beispiel das alte Sprichwort “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” ansehe, stelle ich Folgendes fest: Das ist grundsätzlich totaler Joghurt. Es trifft auf den Menschen höchstens selektiv, aber auf keinen Fall grundsätzlich zu.

Eine todbringende Pandemie rafft uns alle schleichend und stetig dahin. Nein, natürlich nicht Ebola, denn davor haben wir ja alle2 panische Angst. Es ist ein anderer Virus, der, so glaube3 ich, noch nicht benannt oder klassifiziert wurde.

Symptome und Krankheitsverlauf

Erste Symptome: Fakten, Sachverhalte und Erkenntnisse verschwinden im Nebel, der persönliche Horizont wird radikal eingeschränkt. Weiterer Krankheitsverlauf: Vollkommen unlogische Entscheidungen und absolut irrationales Verhalten in selektiv ausgewählten Lebensbereichen. (Komisch, hört sich fast an wie Alzheimer, ist es aber nicht.)

Und ja, natürlich: Ich bin ebenfalls infiziert, wie gruselig! Folglich hätte mir also dieses ganze kollektive Borg-Wissen überhaupt nichts gebracht. Als Mensch in der heutigen Version würde ich die Informationen schlicht und ergreifend nicht verarbeiten oder nutzen. Evolutionär gesehen ist das ein Trauerspiel.

Nebenkriegsschauplätze und Schlupflöcher

Aber warum sind wir nur so, wie wir sind? Warum suchen wir uns lieber ein Schlupfloch, egal was es kostet, als zum Beispiel die Ernährung oder die persönlichen Lebensumstände zu ändern und das Problem zu lösen? Weshalb regen wir uns lieber kollektiv in regelmäßigen Abständen über Nebenkriegsschauplätze und Nichtigkeiten auf, als konsequent im eigenen Handlungsbereich zu sein? Wieso ist den meisten, “die Gesundheit sooo wichtig” aber die „lieb gewordenen“ (schlechten) Gewohnheiten werden mit allen Mitteln verteidigt?

Mein persönliches Ursachen-Ranking:

  • Egoismus
  • Faulheit und Bequemlichkeit (Acedia – Eine Todsünde)
  • Genusssucht (Luxuria – Eine Todsünde)
  • Wahre Dummheit (Da kann man nix machen)
  • Unwissenheit (Heutzutage? Das geht echt nicht mehr)

Erlösung von dem Übel

Nein, ich habe nicht wirklich eine Lösung, tut mir Leid! Ich bin ja kein Wissenschaftler, und außerdem hatte ich wieder mal keine Lust, eine fundierte Recherche anzustellen. Auch das tut mir Leid, wenigstens ein wenig. Abgesehen davon würde das, glaube ich, auch nichts bringen. Bei dieser Kokosnuss-Geschichte geht es ja lediglich um das eigenartige Zusammenspiel von Realität, Angst und der daraus resultierenden, persönlichen Entscheidung. Genaue Zahlen sind für die Darstellung des Problems vollkommen irrelevant.

Homo sapiens VX.x

Aber wir überleben den ganzen Wahnsinn ja irgendwie. Vielleicht muss das ja auch alles so sein, damit wir nicht total durchdrehen, weil unser begrenzter Verstand einfach nur selektiv denken kann. Trotzdem, ich wünsche mir schon, dass die Menschheit noch mal ’ne Schippe drauflegt. Vielleicht dann im nächsten Major Release. Oder im übernächsten.


Fußnoten:

1. Wir sind die Borg! Die Existenz, wie sie sie kennen, endet hiermit. Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufügen. (So oder so ähnlich, ich muss zugeben, ich bin keine Trekkie.)
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2. Mit “alle” sind natürlich wir Menschen in der westlichen Welt gemeint. Ich möchte weder Ebola runterspielen, noch die Menschen in den tatsächlich betroffenen Gebieten diffamieren. Ganz im Gegenteil, ich finde es sehr traurig und beschämend, dass wir (speziell die Pharmakonzerne) nicht mehr Hilfestellung leisten. Meistens liegen die Ursachen für dieses Handeln in rein wirtschaftlichen Interessen.
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3. Die Faktenlage habe ich natürlich nicht recherchiert. Es kann also sein, dass ich (wie immer möglich) total falsch liege. Vielleicht gibt es ja sogar schon ein Heilmittel, wer weiß.
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Kleiner Spielzeugsoldat wird beinahe von großem Schuh zertreten

In den Klauen von Amazon, Nestlé und Danone

Kleine Händler gegen böse Großkonzerne

Prolog

Um besser auf den Punkt zu kommen, schmeiße ich in diesem Text mit sehr vielen Verallgemeinerungen um mich. Natürlich geht es nur um das Aufzeigen von generellen Strömungen und Tendenzen, die niemals alle Menschen individuell abbilden können.

Ich führe das auch nur voran, weil ich finde, dass dies ein sehr sensibles Thema ist, von dem vielleicht einige sehr betroffen sind. Vielleicht gibt es sogar einen thematischen Bezug zu persönlichen Schicksalen. Andererseits heißt das auch nicht, dass sich niemand angesprochen fühlen soll. Also; Es ist, und darum dreht sich hier eigentlich auch alles, Deine Entscheidung.

Der Verbraucher ist vollkommen machtlos

Ich kann es nicht mehr hören!1

Es scheint unser erklärtes Ziel zu sein, uns permanent selbst zu entmündigen. Wir leugnen oder verdrängen ständig offensichtliche Tatsachen. Wir rufen nach neuen Gesetzen, der Mama oder machen sonst wen für alles Mögliche verantwortlich. Im Anschluss fordern wir rebellisch: “Da müsste mal was unternommen werden!”

Was ist nur los mit uns?

Sind wir mittlerweile ein Volk von devoten, handlungsunfähigen, obrigkeitshörigen, kleinen Kindern? Oder wollen wir das vielleicht nur glauben, weil es sich so schön warm, “sicher” und bequem anfühlt in unserer Opferrolle?

Das Märchen über die kleinen Händler und die großen, bösen Konzerne

Das Geschäftsmodell der „bösen Konzerne“ ist doch ganz einfach. Sie versorgen uns mit genau dem Stoff, wonach unsere unersättliche Konsumenten-Seele schreit. Eigentlich ist damit die Analyse auch schon abgeschlossen.

Aber wie konnte es nur so weit kommen?

  • Wir haben die kleinen Händler vernichtet
  • Wir haben sie verhungern und verdursten lassen
  • Wir haben über Jahre hinweg alles beobachtet und nichts unternommen
  • Wir füttern Amazon, Apple, Danone, Nestle und all die vielen anderen, bis sie platzen
  • Wir schmeißen diesen Konzernen freiwillig unser ganzes Geld in den Rachen
  • Wir konsumieren Einwegprodukte und verseuchen unsere Umwelt
  • Wir kaufen Fleisch für 49 Cent und Döner für 1,50 Euro
  • Wir kaufen H&M und Primark leer – Hauptsache billig
  • Wir kaufen und konsumieren grenzenlos, ohne zu hinterfragen
  • Wir geben unser Gehirn inklusive Gewissen an der Supermarktkasse ab
  • (ich kürze das hier ab)

Das „schlechte“ Gewissen

Und wenn dann plötzlich doch einmal, meist aus aktuellem Anlass, das Gewissen hinter irgendeiner Ecke hervorspringt und uns erschreckt, was tun wir dann? Ganz einfach: Wir liken oder haten irgendetwas auf Facebook, und die Sache ist erledigt.

Danach geht alles seinen gewohnten Gang. Ich vermute, so manche große Marketingabteilung feiert regelmäßig Partys. Denn eins ist sicher: Der Verbraucher ist niemals nachtragend. Bevor die ihre Strategie ändern können, haben wir das schon längst wieder vergessen und/oder verdrängt.

Wer von euch ohne Sünde ist…

Ich bin definitiv nicht ohne Sünde. Aber ich denke trotzdem, ich darf mal einen Stein werfen; vielleicht schlägt er ja ein paar Wellen. Mittlerweile sehe ich es sogar als meine persönliche Pflicht an. Eine Pflicht, die vielleicht jeder einmal für seinen eigenen Handlungsbereich und sein persönliches Umfeld in Betracht ziehen sollte.

Aber liebe Leute, eines kann ich Euch schon sagen: Das macht echt keinen Spaß, und Freunde machst Du Dir damit auch nicht.

Worum geht es überhaupt

Es geht mir aber überhaupt nicht darum, ob Amazon, Apple, Primark und Nestlé noch fetter und größer werden, welche Geschäftsgebaren sie an den Tag legen oder welche Produkte sie verkaufen2.

Es geht mir einzig und alleine darum, wie wir es immer wieder schaffen, uns selbst aus der Gleichung zu nehmen, nur um unser Gewissen zu beruhigen. Wegschauen, Ignorieren und Verdrängen sind allerdings keine wirklich guten Strategien, falls man ehrlich eine Veränderung anstrebt.

Aber eigentlich kauft ja auch kaum jemand bei Amazon. Die Wenigsten kaufen auch die ganzen Produkte von den anderen bösen, großen Konzernen, so ist es zumindest in meinem Bekanntenkreis. Die essen auch kaum Fleisch, und wenn, dann kaufen sie das immer nur beim Bio-Bauern. Mit den Anderen, also der breiten Masse (ca. 95 %), habe ich quasi keinen Kontakt. Die gehen mir alle aus dem Weg. Die kenne ich nur als anonyme Zahl in irgendeiner Statistik. Mittlerweile bin ich mir fast sicher, die laufen gar nicht frei herum, also wohnen die irgendwie in ihren Statistiken.

„Ich liebe Amazon“

Ich versuche, das Ganze mal am Beispiel Amazon zu verdeutlichen. Ich gebe es ehrlich zu. Denn ehrlich sein ist ganz einfach und schafft einen klaren Kopf. Wenn ich in Deutschland bin, kaufe ich dort fast alles ein, was ich zum Leben brauche. Ich freue mich über jede neue Produktkategorie. Außer frische Lebensmittel, die besorge ich mir auf dem Wochenmarkt oder bei “meinem”3 Türken.

Shoppen, bis der Arzt kommt

Generell hasse ich es, einzukaufen. Ich finde es “abartig”, mich in die Stadt zu quälen, um dort “shoppen zu gehen” (alleine die Wortkombination lässt mich erschaudern). Lustgewinn durch Kaufen. Das funktioniert bei mir nicht, und ehrlich gesagt finde ich das auch nicht so schlimm. Lieber alles schnell erledigen – rein, raus, fertig. Den zeitlichen Aufwand möchte ich so gering wie möglich halten. So ähnlich wie Zähneputzen oder Haarewaschen – frei nach dem Motto „so schnell wie möglich, so lange wie nötig“. Diesbezüglich passt Amazon einfach perfekt.

Kein Mitleid für die Händler

Ich bemitleide auch nicht per se die Buchhändler (oder alle anderen Händler), die sich wegen Amazon stark umstellen oder sogar ihr Geschäft aufgeben mussten. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Prä-Amazon-Ära erinnern, ist ja noch nicht so lange her. Nicht selten hatte man es mit unfreundlichen, unmotivierten oder uninformierten Verkäufern oder Händlern zu tun. Außerdem musste man stundenlang in Innenstädten und irgendwelchen Läden um­her­ir­ren, um das passende Produkt zu finden.

Ignoranz und Arroganz

Und was passierte, als die Präsenz von Amazon nicht mehr zu leugnen war? Oftmals immer noch nicht viel! „Ich bin Jack’s vollkommenes Defizit an Überraschungen…“ Lange Zeit wurde trotzdem an alten Strukturen festgehalten, die Realität verleugnet oder sich über den neuen Konkurrenten lustig gemacht. Gleichzeitig hat man ihn damit nicht einmal ernst genommen oder zumindest stark unterschätzt.

Amazon hatte leichtes Spiel, der Weg war frei. Und die lokalen Händler kümmerten sich quasi selbsttätig um die Werbung für den neuen Mitspieler.

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Erst, als dann auch der letzte lokale Händler merkte, dass der Wandel unaufhaltsam war, fand teilweise ein Umdenken statt. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Schiffe gesunken. Die Folge: unkontrollierter Aktionismus. Jetzt ruderte plötzlich jeder um sein Leben, der Kunde war wieder König; verzweifelt hisste man die Service-Flagge. Für viele allerdings kam jede Rettung zu spät – sie gingen einfach unter in dieser bis heute andauernden epischen Schlacht.

Eisberg voraus

Komischerweise gab es aber auch noch eine andere Sorte von Händlern. Sie haben den Eisberg schon von Weitem gesehen und die Gefahr entsprechend ernst genommen. Sie haben die Situation analysiert und Entscheidungen getroffen. Umstrukturierung oder Neuanfang. Chancen und Risiken abwägen, Nischen besetzen, Neues ausprobieren und nach vorne schauen, das waren ihre Leitsätze.

Sie haben nicht arrogant und überheblich an alten Mustern geklebt. Sie haben sich rechtzeitig einen Platz im Rettungsboot reserviert. Und viele von diesen Händlern, das unterstelle ich einfach einmal, wollen heute bestimmt nicht mehr zurück, auf ihren alten Dampfer. Ja, echt komisch!

Vorwärts immer rückwärts nimmer

Und was bedeutet das jetzt? Nichts. Genauer gesagt, nicht Besonderes. Das ist nun mal der Lauf der Dinge, ganz einfach. Altes vergeht und Neues entsteht. “Vorwärts immer, rückwärts nimmer”4.

Und bei allem Schlechten, was man Amazon jetzt nachsagen oder sicher auch anrechnen muss, ist doch wohl auch offensichtlich, dass in der Tat sehr viel Neues entstanden ist. Neue Händler, neue Arbeitsplätze, neue Produkte, neue Geschäftsbeziehungen, mehr Markttransparenz, usw.. Die Welt ist eben nicht nur Schwarz oder Weiß, und das ist auch gut so.

Jetzt könntest Du vielleicht einwenden: “Ja klar, du alter Bock, du blöder Honk, du hast gut reden, du bist ja auch nicht persönlich betroffen!” Aber Obacht! Das entspricht nicht so ganz den Tatsachen. Ich habe in meinem Leben schon so einiges gemacht, aber in zwei (sehr unterschiedlichen) Berufen, war ich jeweils mehr als zehn Jahre tätig.

Für beide habe ich eine mehr oder weniger lange Ausbildung absolviert und mich aktiv fortgebildet. (Nichts Akademisches oder so, dazu fehlt mir der Grips) Der Einsatz hat sich aber, langfristig gesehen, nicht ausgezahlt. Mein erster Ausbildungsberuf ist komplett verschwunden, und das zweite Berufsbild verdünnisiert sich auch zusehends.

Das ist vielleicht schade, aber nicht zu ändern. Kürschner und Hufschmiede siehst Du heute auch nicht mehr an jeder Straßenecke, so wie es früher gang und gebe war – und so lange ist das ja auch noch nicht her.

Verlogene Anteilnahme auf Facebook

Besonders “lustig” finde ich dann aber diejenigen, die zwar schon seit zehn Jahren nichts mehr bei ihrem lokalen Händler gekauft haben, aber wenn die Bude dann Konkurs anmeldet, können sie ihre “aufrichtige” Anteilnahme einfach nicht mehr zurückhalten. Jeder muss noch mal schnell und natürlich öffentlich sein verlogenes Mitgefühl heucheln.

Ein Wettstreit von Trauer, Herzschmerz und romantischen Kindheitserinnerungen geben sich ein Stelldichein. Man möchte am liebsten sofort in Tränen ausbrechen – und sich gleichzeitig übergeben.

Rettung in Sicht, für die zerbrochenen Seelen

Aber keine Sorge, Rettung naht, wenn auch nicht, für den kleinen Krämerladen der jetzt seine Angestellten feuern und die Butze dicht machen muss. Aber immerhin, den wahrhaft trauernden Seelen auf Facebook, denen kann schnell geholfen werden. Der Schuldige ist zum Glück bald identifiziert und wurde ordnungsgemäß an den Pranger gestellt. Sie soll brennen, die Hexe! Die heilige Inquisition lässt grüßen.

Von nun an können alle ihrem ungezügelten Hass freien Lauf lassen. Und, wer ist wohl das schreckliche Monster? Genau: Der böse, böse Amazon, der hat wieder einmal einen armen, kleinen Händler zum Frühstück verschluckt, denn darin sind sich alle sofort einig. (Das gesamte Schauspiel findet natürlich auf Facebook statt – ?!?) Also, wenn das kein Zynismus ist.

Offen und ehrlich

Aber noch einmal: “Ich liebe Amazon”, und sage das hier offen und ehrlich. Mir ist vollkommen bewusst, was das bedeutet. Ich weiß, dass das nicht die “Guten” sind. Aber ich treffe eine Entscheidung und stehe dazu. Ich lebe gleichfalls mit den Konsequenzen, das ist doch logisch. Ich verleugne nichts und übernehme die Verantwortung für mein Handeln. Wo ist das Problem?

Hält diese Liebe ewig? Werde ich meine Entscheidung bereuen? Was bringt die Zukunft? Keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen? Aber das spielt doch auch keine Rolle. Sämtliche Verhaltensweisen müssen ständig neu überdacht und kontrolliert werden. Das ist ebenfalls ein natürlicher fortlaufender Prozess. Man checkt die Sachlage, wägt neu ab, und daraufhin fährt man fort wie bisher oder revidiert seine Entscheidung und geht neue Wege.

Möge die Macht mit Dir sein

Aber der Punkt ist doch der: Du hast die Macht! Lass Dir doch nicht einreden, Du könntest nichts ausrichten oder nur die Anderen sitzen am längeren Hebel. Jeder Einzelne kann alles verändern, Du musst es nur auch tun! Wie das alte Sprichwort schon sagt: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”.

Du alleine entscheidest, welche Produkte Du kaufst und welche Du im Regal liegen lässt. Du alleine entscheidest, ob Du Deinen lokalen Händler unterstützen möchtest oder nicht. Du alleine entscheidest, auf welcher Seite der Macht Du stehen möchtest. Fertig, das ist auch schon alles – der Rest ergibt sich von alleine. Die Beweise liegen uns doch in ausreichender Menge als gesicherte Erkenntnisse und für jeden offensichtlich vor. Das kann doch wohl heute keiner mehr ernsthaft leugnen wollen.

Wir sind das Volk

Ist das alles schon wieder in Vergessenheit geraten? Früher sind die Menschen tatsächlich noch auf die Straße gegangen, um für ihre Überzeugungen einzutreten. Und ich meine jetzt nicht nur das Volk in der (ehemaligen) DDR. Nein, überall in der Geschichte wurde immer auch gekämpft. Ganz oben auf der Liste stand stets das Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Entscheidungen. Aber heute sind wir nur noch faul, träge und satt. Stattdessen kämpfen wir gegen Zivilisationskrankheiten. Verrückte Welt!

Wir leben zum Glück nicht in einem Polizeistaat und auch nicht mehr in einer Diktatur. Aber wofür werden diese erkämpften Rechte nun eingetauscht? Drogen fürs Volk: Konsum, Bequemlichkeit und Daily-Soap? Echt jetzt, mehr haben wir nicht mehr zu bieten? Heute kann und darf jeder seine eigenen Entscheidung treffen, und das ist nichts Selbstverständliches, wenn man sich mal in der Welt umschaut.

Lass Dir dieses kostbare Privileg nicht nehmen. Gib dieses mächtige Schwert nicht freiwillig aus der Hand und lasse Dich damit köpfen. Du bist die wahre Macht. Du kannst alles verändern, wenn Du nur willst.


Fußnoten:

1. Mehrere aktuelle Ereignisse veranlassen mich zu diesem Text. Plötzlich, innerhalb von drei Tagen, prasseln sie auf mich ein. Jetzt “muss” ich mich wieder ärgern und aufregen. Doch an sich widerstrebt mir das; ich will mich eigentlich nicht so verhalten, aber ich habe mich nicht im Griff. Obwohl ich mir sicher bin, dass mein Verhalten nicht gut für mein Karma ist, kann ich es nicht lassen.

Ehrlich gesagt, und ich will ja ehrlich sein, finde ich das irgendwie doof und schwach von mir. Andererseits denke ich dann aber wieder: Vielleicht kann ich mit dem kleinen Stein, den ich in den großen Teich werfe, ja doch ein paar Wellen schlagen und irgendetwas Positives bewirken. So gesehen fände ich das dann wieder gut. Wie auch immer, ich habe eine Entscheidung getroffen.
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2. Jedenfalls nicht an dieser Stelle. Selbstverständlich gäbe es da Einiges, was man anführen könnte, wie zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Knebelverträge mit Zulieferern und Händlern, Werbestrategien, Materialien, usw..

Und was ist mit Nestlé? Bei dem „Verein“, weiß man ja garnicht, wo man anfangen soll. Zerstörter Regenwald, Gentechnik, Kinderarbeit, Sklaverei, übelste Massenpropaganda, perverse Manipulation der Menschen und natürlich die Kontrolle von Trinkwasser in den ärmsten Ländern der Erde.

Über all das kann sich heute jeder in wenigen Minuten über Google, YouTube oder Wikipedia selbst informieren. Dort kann man übrigens auch über erfolgreiche Aktionen lesen, wo sich Menschen gewehrt haben und selbst Nestlé zum Handeln gezwungen haben.

Wie gesagt, da gäbe es so einiges, aber nicht hier und heute. Heute geht es nur um unseren Handlungsbereich und die Macht, die wir als „Verbraucher“ besitzen.
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3. Nein, es ist nicht wirklich mein Türke, also, ich meine, ich besitze ihn nicht. Es wurde nicht klammheimlich (offiziell) die Leibeigenschaft eingeführt. Ich finde nur diese Redewendung, immer wenn ich sie höre, so interessant und eigenartig. Deshalb verwende ich sie auch einmal. Langfristig übrigens eine schlaue Strategie der Türken, den Obst- und Gemüsesektor zu kontrollieren – die lassen sich schwieriger durch Onlineshops ersetzen.
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4. Falls jemandem das Zitat nicht bekannt sein sollte: Erich Honecker. In der Gründerzeit der DDR geprägte Losung. Zitiert in der Festansprache zum 40. Jahrestag der DDR, 7. Oktober 1989. Allerdings hat er es wohl auch “nur” zitiert, aber trotzdem ergibt das eine lustige Anekdote, wie ich finde. Die entsprechenden Links: WikiquoteYouTube
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Ein altes Schild, welches auf einen Laundry-Service hinweist

Krücken für die alte Dame vom Waschsalon

Wie ich mich am besten selbst beschenke

Altruismus und Egoismus gehen Hand in Hand

In Indonesien oder auch in anderen Ländern, die touristisch weit erschlossen sind, ist es üblich, dass das Dienstleistungsgewerbe sehr verzweigt und kreativ ist. Jeder nutzt alle sich ihm bietenden Chancen, um irgendwie Umsatz zu generieren. Normal.

Unter anderem gibt es an jeder Ecke eine Laundry, dabei handelt es sich um eine Wäscherei mit Full-Service. Schmutzige Wäsche hinbringen, ein bis zwei Tage warten, dann kannst Du alles wieder gewaschen, gebügelt und schön verpackt abholen. Für relativ kleines Geld, versteht sich. Zumindest aus Perspektive der Touristen.

Eine sehr praktische Angelegenheit, welche das Mitbringen von Waschmittel, wie es früher einmal üblich war, vollkommen überflüssig macht. Das lohnt sich einfach nicht mehr. Außer Du bist ein Super-Sparfuchs und musst außerdem noch zwanghaft Deine Zeit totschlagen.

So ist das auch hier auf Bali: An jeder Ecke gibt es eine Laundry, die die lästige Arbeit gerne, gut und günstig für Dich erledigt. Diesmal habe ich besonders Glück: Mein Dienstleistungsbetrieb ist direkt nebenan. (Airbnb hatte mir diese interessante Information übrigens bereits im Vorfeld geliefert. Toll!)

Folge dem weißen Kaninchen

Also stapfte ich mit meinem ersten Bündel schmutziger Wäsche los, aus dem Haus hinaus, folgte dem kleinen Hinweisschild und öffnete das rostige Tor. Hier muss ich richtig sein; links und rechts hing schon allerhand Wäsche, die von der warmen Luft getrocknet wurde.

Mensch mit Kaninchen-Kostüm vor Hauswand mit Graffiti
Weißes Kaninchen mir roter Jacke

Gesehen hatte ich allerdings noch niemanden. Also immer weiter auf dem schmalen Pfad, der mich entlang zwischen den Hauswänden führte. Plötzlich hörte ich eine Stimme. „Hello! Hello! Here!“ Gesagt getan. Nun stand ich vor einer kleinen, alten, asiatischen Lady. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gab sie mir zu verstehen, dass ich bei ihr genau richtig war.

So lieb und freundlich sie auch war, so schlecht konnte sie sich bewegen. Die Schmerzen waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie konnte kaum noch laufen, und wenn sie es trotzdem tat, bewegte sie sich wie eine Schnecke. Dann bat sie mich um Hilfe, ihre verrostete, kaputte Krücke wieder zusammenzubauen. Alleine schaffte sie es aus Mangel an Kraft nicht mehr.

Ein ehrliches, liebevolles Lächeln

Das Teil war total hinüber, und man musste einige Tricks anwenden, damit sie ihren Zweck wieder einigermaßen erfüllen konnte. Ich tat, worum die Frau mich gebeten hatte. Danach war sie sehr zufrieden und nahm dankbar meine Wäsche in Empfang. Ein ehrliches, liebevolles Lächeln strahlte mich an.

Nachdem die notwendigen Formalitäten erledigt waren, gab sie mir zu verstehen, dass ich meine Klamotten direkt am nächsten Tag wieder abholen könne. Perfekt, auch wenn ich es eigentlich gar nicht so eilig hatte. Nach dem Preis habe ich nicht gefragt, das ist erfahrungsgemäß nicht nötig. Hier gibt es ehrliche Arbeit für ehrliches Geld, keinen Nepp am Straßenrand. Der Service ist eher auf eine langfristige Kundenbeziehung ausgelegt.

Mitgefühl breitet sich aus

Im Laufe des Tages machte sich in mir ein Gefühl breit. Mitgefühl. Die Alte kann kaum laufen und muss trotzdem schwer arbeiten. Kein soziales Netz. Sieben Tage die Woche schmutzige Wäsche waschen für Touristen. Sie hat sich aber nicht beklagt, jedenfalls nicht bei mir. Sie hat gelächelt und war freundlich. Trotzdem: Inception, ein Gedanke wurde eingepflanzt.

„Zufällig“ komme ich nachmittags an einer Apotheke vorbei und sehe im Schaufenster eine Auswahl an Gehhilfen. Echt jetzt!? Nun denn, es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Spontan rein in den Laden und mich mal beraten lassen. Eine Entscheidung ist schnell getroffen, auch wenn das Personal mich etwas erstaunt mustert. Der Preis ist für mich nicht unerschwinglich, wenngleich der Betrag für die Lady sicher eine ganz andere Hausnummer ist.

Zwei Minuten später war ich stolzer Besitzer von zwei nigelnagelneuen Krücken, eingeschweißt in durchsichtiger Zellophanfolie, frisch aus dem Werk. Den restlichen Tag marschierte ich nun mit den Teilen durch Ubud und musste mich ständig selbst daran erinnern, die Dinger nicht irgendwo zu vergessen. Dazu verwirrte Blicke überall.

Gehilfen lehnen an Wand, eingeschweisst in Zellofanfolie, Bali
Frisch aus dem Werk – Gehilfen auf Reise

Am nächsten Morgen habe ich dann mein Präsent übergeben. Eine große Überraschung, Dankbarkeit in ihren Augen, freundliche Gesten und eine kleine Umarmung quittierten meine Tat. Das fühlte sich gut an. Da ich die Aktion nicht unnötig in die Länge ziehen wollte, verabschiedete ich mich relativ zügig. Meine Wäsche war allerdings noch nicht fertig. Morgen heißt nicht unbedingt morgen in Asien, aber wen kümmert das schon.

Plötzlich fragte ich mich ganz automatisch: Hast du dich nicht vielleicht jetzt mehr beschenkt als die kleine alte Dame? Kann sein. Das war zumindest meine vorläufige Antwort, und deswegen schreibe ich diesen Text.

Altruismus oder Egoismus?

Ist die Aktion vielleicht sogar am Ende egoistisch gewesen? Aber: Ist das überhaupt wichtig? Heiligt der Zweck in einem solchen Fall nicht die Mittel? Was soll’s, entschied ich. Ist doch egal, dann habe ich eben zwei Menschen glücklich gemacht.

Ist ja auch eigentlich immer so: „Geben ist seliger denn Nehmen“, das ist keine neue Erkenntnis, wenn Du sie schon im alten Testament nachlesen kannst. Und nein, ich bin nicht gläubig. Das ist für den Erfolg aber natürlich vollkommen irrelevant. Du gibst, und so wird dir gegeben, eine simple Taktik. Was aber nicht bedeutet oder gar zu verwechseln ist mit: Du gibst und kannst erwarten.

Oft bekomme ich nichts zurück. Z.B., wenn ich anonym spende. Oder manchmal gebe ich auch einer Person besonders viel, und wenn ich dann selbst Hilfe benötige: Fehlanzeige!

An diesem Punkt darf man aber nicht aufgeben, das wäre definitiv der falsche Ansatz. Klar, ich bin nicht Jesus und mache mir dann auch meine Gedanken, das kann ich leider nicht verhindern. Ich lasse mich mittlerweile aber nicht mehr (so schnell) beirren oder gar vom (für mich) „rechten“ Weg abbringen.

Eine Flaschenpost geht auf die Reise

Und genau das ist der Punkt! Du kannst die vollständigen Auswirkungen Deines Handelns nicht absehen. Es ist wie eine Flaschenpost. Du schickst eine Tat hinaus in die Welt, ohne zu wissen, wen sie erreicht. Genauso wenig kannst Du abschätzen, wann und was daraus erwächst.

Ich zumindest bilde mir ein, dass ein gütiges, positives Handeln wahrscheinlicher etwas „Gutes“ entstehen lässt, als ein negatives, destruktives Verhalten. Für diese Betrachtung ist übrigens unerheblich, ob es dabei um Menschen, Tiere oder Dinge geht.

In der Psychologie des Buddhismus sind wir alle miteinander verbunden. Das Eine bedingt immer auch das Andere, es gibt faktisch kein „Alleinsein“. Eine sehr faszinierende Thematik. Ähnlich dem Flügelschlag der Libelle, der einen Orkan auslösen kann.

Diese Betrachtungen sind aktueller als je zuvor, wenn wir uns in unserer Welt umschauen. Wir könnten heute besser denn je beobachten und verstehen, wie alles zusammenhängt. Wenn wir doch nur wollten. An Informationen und Erkenntnissen fehlt es kaum noch. Die Einsicht und die Umsetzung sind dagegen die wahren Stolpersteine.

Es sind nicht nur Machthaber und Wirtschaftsunternehmen, die sich weigern Konsequenzen zu ziehen. Stichwort: „America first“. Nein, ich meine ganz gezielt auch jeden einzelnen Menschen. Hier liegt doch unser Handlungsbereich: „Kehre vor deiner eigenen Tür“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Macht des Individuums ist viel größer und weitreichender, als die meisten sich eingestehen wollen.

Ich finde jedenfalls viele Aspekte der buddhistischen Psychologie sehr überzeugend, und man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, sie zusammen mit esoterischem Humbug in eine Schublade zu packen. Das wäre in etwa so, als würdest Du „Handauflegen“ mit Gefäßchirurgie gleichstellen.

Gerade heute würde der eine oder andere buddhistische Ansatz vielen Leuten helfen, ihr übergroßes Ego wieder auf Normalgröße zu schrumpfen. Und das Beste daran, sie würden es wohlmöglich noch als positiv und angenehm empfinden. Ohne Verzicht, dafür mit ehrlichem Gewinn und Mehrwert für sie ganz persönlich.

Diesbezüglich habe ich den Glauben in die Zukunft noch nicht (ganz) verloren, auch wenn es manchmal schwer fällt. Früher gab es bei den Pfadfindern ja auch noch den Leitsatz: „Jeden Tag eine gute Tat“. Also lässt sich durchaus ein ähnliches Gedankengut auch in der westlichen Welt finden. Ganz ohne einen buddhistischen Unterbau.

Die Basis ist verloren gegangen

Viele Leute kennen das bedingungslose Geben allerdings nicht. Ihnen fehlt die Basis. Sie sind einfach nicht so erzogen worden. Die Gesellschaft und vor allem die Medien bombardieren uns ständig mit anderen Idealen. Mitgefühl wäre demnach vollkommen kontraproduktiv in unserer Leistungsgesellschaft, die auf unendliches Wachstum ausgelegt ist.

Ich, Vorteil, Ich, Erfolg, Ich, Geld, Ich, Konsum. Und wenn es dann trotzdem nicht klappt mit dem Glücklichsein? Bloß nicht vom Weg abkommen. Die einfache Lösung ist doch offensichtlich: Mehr Egoismus, mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Konsum, das wird schon!

Alles nur Fake News

Pustekuchen. Das ist Fake. Wir müssen so denken und funktionieren, sonst würde unser gesamtes Wirtschaftssystem in der westlichen Welt zusammenbrechen. Zudem ist es unerwünscht, dass der Kapitalismus hinterfragt wird. Wenn Du nicht glücklich bist, liegt es nicht am System, sondern an Dir, und nur an Dir.

Back to the Lady: Heute war ich wieder in meiner Laundry, um „neue“ Wäsche abzugeben. Keine Krücken in Sicht. Die Dame versicherte mir aber, dass sie diese sehr gut gebrauchen könne. Ein wenig enttäuscht war ich zwar schon, aber egal, siehe oben.

Update:

Mittlerweile kann ich meine Besuche nicht mehr zählen, zumindest habe ich sie nicht nachgehalten. Ich kann allerdings bestätigen, dass meine Krücken (beziehungsweise eine dieser Zwillings-Gehilfen) aktiv im Einsatz sind. Also doch ein Erfolg. Mir reicht das. Mit oder ohne befriedigtem Ego.

 

Der blick schweift über ein grünes, weites Reisfeld mit vielen kleinen Fähnchen um die Reisdiebe zu verscheuchen

Die Chimäre auf dem Reisfeld

Das gruselige Mysterium

Dem balinesischen Horror auf der Spur

In meiner ersten Unterkunft auf Bali – oder besser gesagt, im Umfeld meiner ersten Unterkunft – gab es allerhand Viecher und Getier. Einerseits kommen die lieben Tiere Dich in Deiner Bude besuchen, andererseits hörst Du manchmal auch nur die Laute, die sie von sich geben. Ich vermute, meistens handelt es sich dabei um irgendwelche Paarungsrufe oder Kampfansagen. Die simple Ursache ist eigentlich immer gleich: Es geht um den Erhalt der Art.

Viele dieser Sounds sind mir als deutscher Stadtmensch natürlich vollkommen unbekannt. Entsprechend hoch ist anfangs der Aufmerksamkeits-Level. Mit der Zeit gewöhnst Du Dich natürlich an die neue Geräuschkulisse. Nach und nach kannst Du dann auch bestimmte Rufe den entsprechenden Tieren zuordnen.

Allerdings gibt es ja auch noch die scheuen Genossen, die Du nicht so einfach zu Gesicht bekommst, aber trotzdem hörst. Zum Beispiel die Zikaden1 . Die kleinen Viecher machen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße ein wirklich unvorstellbares Getöse. Einige ihrer Artgenossen ebenfalls, aber die kann ich leider nicht benenn, weil ich sie ja nie gesehen habe.

Alles zu seiner Zeit

Eines der ersten Dinge, die Du in diesem Zusammenhang lernst, ist das zeitliche Muster. Die meisten Tiere haben so ihre natürlichen Stoßzeiten. Keine Ahnung, warum sie sich am Tag so aufteilen, aber dafür gibt es bestimmt eine biologische Erklärung. Und, das war allerdings keine große Überraschung: Der Ruf des Hahns (Plural) ertönt mit Sonnenaufgang, also hier aktuell zwischen fünf und halb sechs. Darauf ist Verlass. Der Bursche (Plural) nimmt seinen Job sehr ernst. Da wird keine Ausnahme gemacht, auch nicht am Wochenende.

Wissen und Vermutung

Nach einer gewissen Zeit ergibt sich dann ein Mischmasch aus Wissen und Vermutung. Bei der ganzen Geschichte hat mich aber ein Ruf ganz besonders fasziniert und gleichermaßen verwirrt. Immer wieder bin ich aufgestanden, auf meinen Balkon gewatschelt und habe versucht, einen Zusammenhang herzustellen.

Es klingt wie eine gruselige Kombination aus Mensch und Tier. Jedes Mal, wenn ich mir sicher war, dass es sich um einen (mindestens verrückten) Menschen handelt, habe ich meine Einschätzung alsbald revidiert. Nein, es muss ein Tier sein, so krass und crazy ist kein Mensch, jedenfalls nicht in diesem Intervall, und auch noch den ganzen Tag lang. Und wenn es doch ein Mensch sein sollte, wäre es dann ein Mann oder eine Frau?

Sechs Wochen Ungewissheit

Es hat dann tatsächlich sechs Wochen gedauert, bis ich dem geheimnisvollen Geräusch auf die Schliche gekommen bin. Ich war nämlich nahe genug an der Quelle, um es gut zu hören, aber zu weit entfernt, um den Verursacher zu sehen oder eine Kausalität herzustellen. Eines Tages hatte ich dann aber Glück, und ich wurde nicht enttäuscht. Ich lag mit meiner unqualifizierten Einschätzung goldrichtig. Die Antwort war, zumindest für mich als Touri, echt faszinierend.

Verantwortlich für dieses merkwürdige Geräusch ist eine alte Frau, die auf ihrem Reisfeld die kleinen Vögel verscheucht, die den fast erntereifen Reis wegfuttern. Zu diesem Zweck ahmt sie den Ruf von Krähen (oder etwas in der Art) nach, die für die Reisdiebe eine natürliche Gefahr darstellen. Zusätzlich unterstützt sie diese Aktion, in dem sie ein ausgebufftes System von kleinen Fähnchen in Bewegung versetzt. Diese Fähnchen sind mit einer Schnur und flexiblen Verbindungspunkten über mehrere hundert Meter miteinander verbunden.

Eine menschliche Vogelscheuche

Die Dame ist also so eine Art “menschliche Vogelscheuche”, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihr Reisfeld bewacht und die kleinen gefiederten Nassauer verscheucht. Allerdings kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es jetzt wirklich ihr Reisfeld ist oder nicht. Aber ich wurde, wie immer hier auf Bali, von ihr sehr freundlich empfangen. Nachdem ich ihr zugewunken hatte, schenkte sie mir ein Lächeln und winkte zurück. Sie gab mir mit entsprechenden Handzeichen zu verstehen dass ich herzlich willkommen sei. Die folgende Kommunikation wurde dann auch mit Zeichen, Lächeln und Gesten bewerkstelligt. Eine gemeinsame sprachliche Basis war natürlich nicht vorhanden.

Ihr Zuhause kann man, glaube ich, treffend mit “bescheiden” beschreiben, zumindest für westliche Verhältnisse. Alles befindet sich auf engstem Raum. Eigentlich wollte ich noch mehr Fotos machen, aber irgendwie kam ich mir dabei komisch vor und habe schließlich darauf verzichtet. Ich habe ja zumindest das Video (mit dem sie auch einverstanden war) und ein paar Schnappschüsse. Das muss reichen.

Mensch und Tier auf engstem Raum

Ergänzende Infos in Worten: Mehrere (sehr) kleine Hütten oder Verschläge stehen hier auf engstem Raum. Das Gelände ist uneben; Du musst ständig irgendwelche Höhenunterschiede überwinden. Die einzelnen Regionen sind klar aufgeteilt, aber auch irgendwie miteinander verbunden: Wohnbereich, Schweinestall und eine Kochnische, die direkt an die restliche Konstruktion angrenzen. Ich sehe einen großen Topf, der mit Holz befeuert wird; es qualmt mächtig.

Die Schweine sind in einem separaten Stall untergebracht. Hühner und Enten laufen kreuz und quer durch die Gegend. Den Ausscheidungen der Tiere kann Deine Nase nicht entgehen. Mehrfach bleibe ich irgendwo hängen oder stoße mir den Kopf (ich bin einfach zu groß für diese kleine Welt). Der Boden besteht aus Schlamm und Erde, und ich hätte mich zwei Mal beinahe auf die Nase gelegt. Die alte Dame bewegt sich allerdings erstaunlich sicher auf ihrem Terrain, auch ohne Schuhe.

Das war eine kleine, aber sehr interessante Erfahrung, jedenfalls für mich. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen oder wäre überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass es etwas in dieser Art überhaupt gibt: Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag “komische” Geräusche machen und Vögel verscheuchen.


Fußnoten:

1. Genauer gesagt, die Singzikaden, die anderen hört der Mensch wohl nicht. Wikipedia

 

Ein Taxifahrer hält sich an seinem Scooter fest und hat ein Taxischild im Mund

Taxi, Massage, Latte Macchiato?!

Im Visier der Pusher & Promoter

Brodelnder Vulkan und todbringende Lava

Ja, ich hatte mir das hier alles etwas anders vorgestellt. Und nein, ich hatte es mir nicht romantisch und einsam vorgestellt, allerdings schon ein wenig beschaulicher. Etwas weniger überlaufen, wenngleich mir jetzt schon mehrfach berichtet wurde, dass doch eigentlich wenig los sei. Der Vulkan Agung sei schuld, der nun schon öfter ordentliche Rauchwolken produziert hat, aber sich nicht anschickt, auszubrechen.

Alle warten nun gespannt darauf, wann Agung wohl sein Umfeld mit einer Eruption beglücken wird, und viele Touristen kommen deswegen nicht mehr. Sie Angst haben. Die haben ja immer Angst, die blöden Touristen; die Branche ist sehr fragil. Beim Urlaub wollen viele lieber kein Risiko eingehen, da kennen die keinen Spaß. Wie langweilig.

Der sanftmütige, balinesische Pusher

Jedem, der sich schon einmal an einem ähnlichen Ort wie Bali aufgehalten hat, ist natürlich klar, dass die meisten Einheimischen vom Tourismus leben und entsprechend geschäftstüchtig sind. Das ist in den Ländern, die ich kenne, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Mit der Zeit lernt man aber mehr oder weniger unfreiwillig die gesamte Bandbreite der Straßenverkäufer und Händler kennen.

Da ist dann alles vertreten, was man sich vorstellen kann. Hartnäckige und aggressive Typen, die sich Dir in den Weg stellen oder Dich sogar anfassen. Das mittelschwere Kaliber, die zwar ungeheuer nerven, aber Dich ansonsten in Ruhe lassen. Und zum Schluss noch die eher zaghaften Typen, die es meist bei einer bis zwei Ansprachen belassen, harmlos sind und schnell verstummen.

Zur letzten Kategorie gehören auch die Jungs und Mädels hier in Ubud. Nicht, dass dies nicht auch nerven würde, allerdings resultiert der Stress eher aus der Quantität als aus der Aggressivität.

Wenn man also versucht, sich möglichst unauffällig von A nach B zu bewegen (was völlig unmöglich ist), wird man gefühlt mindestens alle ein bis drei Meter mit immer den gleichen vorhersehbaren Fragen bombardiert. Klar, ich verstehe das; was sollen die Armen denn auch machen? Es gibt einfach zu wenig Arbeit für zu viele Menschen.

Quereinsteiger ohne Ausbildung

„Taxi!?“ oder „Taxi Sir!?“ ist meine persönliche Hass-Phrase Nr.1, wobei es in Ägypten und besonders in Tunesien noch viel schlimmer war. Trotzdem, die Straßen sind gepflastert mit „Taxifahrern“ bzw. Taxi-Angeboten, denn ich gehe davon aus, dass die meisten dieser Dienstleister keine Lizenz oder gar Ausbildung besitzen (was zugegebenermaßen eine reine Unterstellung meinerseits ist).

Der Transportservice beschränkt sich in Ubud aber nicht nur auf Autos, sondern primär, auf die Unmengen von Scootern, die hier ihr Unwesen treiben. Mit den lauten, stinkenden Dingern wird wirklich alles und jeder transportiert – für europäische Verhältnisse ist das fast unvorstellbar.

Abartige Variante: „Taxi Boss!?“ Als sich diese Worte zum ersten mal, den Weg durch mein Gehirn in mein Bewusstsein bahnten, wusste ich nicht so recht, ob ich mich jetzt schämen oder es nur als unterwürfige Taktik ohne Bedeutung abtun sollte.

Ist eine solche Phrase ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit, Hoffnungslosigkeit oder doch nur Kalkül; das sind alles mögliche Erklärungen. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, aber es fühlte sich für mich einfach nicht gut an. Vielleicht war das ja das Ziel. Mitleid. Vielleicht soll ja nur ein möglichst schlechtes Gewissen erzwungen werden, ähnlich einem Bettler, der im Grunde genommen ein Business betreibt und seine Situation professionalisiert.

„Taxi Massa!?“ hätte bei mir die gleichen Emotionen ausgelöst, wie soll ich das denn bitte be- und verwerten? Keine Ahnung!

Ein Traumjob

Im Grunde tun mir die Leute aber Leid, und darum geht es hier, in diesem Text. Die Wenigsten haben sich das bestimmt als Job erträumt. Nach dem Motto: „Wenn ich groß bin, möchte ich gerne mal den ganzen Tag mit einem eingeschweißten Schild (fetter Taxi-Schriftzug) in der Hand auf der Straße sitzen und Touristen blöd von der Seite anquatschen. Das wäre großartig! Ich kann unbegrenzt Abgase und Feinstaub konsumieren, bin tödlich gelangweilt und kann zu dem noch frustriert von morgens bis abends auf mein Smartphone glotzen. Das Beste allerdings ist die soziale Anerkennung – und dass ich am Ende des Monats kein Geld habe! Oh ja, das wäre mein Traum!“ Ironie Ende.

Fast genau so häufig wie „Taxi?!“ hört man hier „Massaaasch?!“, womit Dir die freundlichen Damen eine ihrer vielen, unterschiedlichen Massagen zuteil werden lassen wollen. (Natürlich ohne „happy ending“!)
Das Berufsbild unterscheidet sich im Bereich der Akquise nur marginal von dem ihrer männlichen Kollegen. Auch hier unterstelle ich (selbstverständlich ohne fundamentale Prüfung), dass die Ausbildung keinem deutschen Standard entspricht. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Du hier zwangsläufig schlecht „behandelt“ wirst. Auch ich habe bereits sehr positive Erfahrungen machen dürfen. Glück ist dabei das ausschlaggebende Element. Erfahrung, Know-how und die aktuelle Stimmung der Servicekraft bestimmen das Ergebnis. Du musst Dich einfach durchprobieren lassen.

Die Geschlechtertrennung ist ziemlich restriktiv: Männer sind für die Taxis zuständig, Mädchen und Frauen für die Massage. Meist sitzen die zum Salon gehörenden, einheitlich gekleideten Damen vor ihren Studios, starren ebenfalls mehr oder weniger den ganzen Tag auf ihr Smartphone oder unterhalten sich gerne sehr angeregt – und dann, wenn die Beute in Sichtweite ist, wird der Schlachtruf ausgestoßen: „Massaaasch?!“

„Lateee?!“ ist für die Hipster

Bis dato vollkommen unbekannt war mir allerdings „Lateee?!“, womit Dir das bei Muttis und Hipstern so beliebte Heißgetränk Latte Macchiato offeriert werden soll. Ich gebe zu, im ersten Moment war ich ein wenig beleidigt, weil ich doch zu keiner dieser Gruppen eine rechte Zugehörigkeit empfinde. Wie kommen die nur da darauf, mich mit „Lateee?!“ anzuquatschen?!

Daraufhin habe ich kurz resümiert und festgestellt: Das liegt wohl an den Yogis, die hier überall rumlaufen! Ubud ist ein Yogi-Mekka, habe ich gelernt. Und dann fiel mir auch wieder ein, dass mich mein erster Taxifahrer, der mich am Flughafen aufgegabelt hat, fragte, ob ich zum Yoga nach Bali gekommen bin.

Damit wäre das geklärt: Ich bin wohl immer noch ein Yoga-Typ, obwohl ich das nun bereits mehrere Jahre nicht mehr aktiv betreibe. Okay, damit kann ich leben.

Kein schöner Tag

Aber, so sehr mir diese gebetsmühlenartigen Akquisitionsversuche auch noch den letzten Nerv rauben, so Leid tun mir die „Taxifahrer“ und „Masseurinnen“. Du musst Dir einfach mal bewusst machen, also eine Minute wirklich nachfühlen, wie ein (jeder) Tag dieser Menschen aussieht!

Frustration und Perspektivlosigkeit vernebeln Dein Gehirn. Der Tourist, das goldene Kalb, muss gefunden und geschlachtet werden. Es gibt keine Alternative, keinen besseren Job, keine Optionen, die Du wählen könntest. Stumpfsinniges Handeln ist Dein Weggefährte. Zuhause sitzt vielleicht Deine Familie und hat Hunger, definitiv muss aber Deine Miete bezahlt werden. Die Konkurrenz ist riesig, es ist ein Käufermarkt. Du hast hier nichts zu melden. Immer und immer wieder holst Du Dir Deine „Neins“ ab, vielleicht 100, vielleicht 1000mal am Tag, das schreddert auch das letzte bisschen Selbstbewusstsein, ganz sicher.

Nein, ich würde nicht tauschen wollen

Zusätzlich ist die Perspektive der Einheimischen auf die Touristen verfälscht, was so eine Art Hassliebe entstehen lässt (ja, auch das unterstelle ich nun wieder; man möge mir verzeihen). Wenn man nur das Portemonnaie vergleicht, ist das Ergebnis eindeutig. Ist aber jeder, der/die hier über die Straßen watschelt ein reicher Geldsack mit unendlichen Reserven?

Relativ gesehen wohl eher nicht, aber Hand aufs Herz, die meisten Balinesen könnten sich wohl niemals eine Reise ins Ausland oder geschweige denn einen Urlaub in einem fernen Land leisten. Stattdessen sitzen sie vor den Hauseingängen, bieten ihre Dienste feil und hoffen auf einen Glückstreffer, für den sich der Tag gelohnt hat.

Gibt es denn Alternativen? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht wirklich. Mangelt es „nur“ an Arbeitsplätzen, oder verbaut den meisten Menschen hier schon ihre Schulbildung jeglichen Ausweg aus dieser misslichen Lage?

Schlimmer geht immer

Ich habe hier auch schon andere Arbeitsplätze und Bedingungen gesehen. Frauen auf dem Bau sind in Asien alltäglich. Und nicht, dass Du jetzt denkst, die sind für die Erfrischungen zuständig! Harte, körperliche Arbeit ist angesagt. Zementsäcke, Bauschutt und Materialien schleppen, das sind ihre Aufgaben. Hier gibt es keine geschlechtsspezifische Bevorzugung, im Gegenteil.

Obwohl mir dieses Bild mittlerweile nicht mehr fremd ist, finde ich es immer wieder faszinierend, zu welchen Höchstleistungen diese Damen fähig sind. Erstaunlich dabei: Es handelt sich nicht etwa um die jungen, vermeidlich stärkeren „Modelle“. Nein, gerade die älteren Semester bestreiten hier ihr Auskommen mit einer Leistungsfähigkeit und Zähheit, die jeden deutschen Bauarbeiter vor Neid erblassen lassen würde. Von den deutschen oder anderen europäischen Frauen mal ganz abgesehen.

Nicht, dass ich dies befürworten würde oder erstrebenswert fände, aber hey; es ist der Wahnsinn, was das „schwache“ Geschlecht hier täglich ackert! Ich unterstelle jetzt mal, dass es den älteren Damen nicht an Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Freizeit mangelt oder die pure Langeweile sie auf den Bau treibt. Hunger, Fixkosten und vor allem ein fehlendes soziales Netz wird sie wohl vornehmlich motivieren, ihre Zeit in Dreck und Schutt zu verbringen. Da existiert wahrscheinlich kein Amt, welches regelmäßig Geld überweist, mit dem sie ihre Kosten decken können.

Der Service-Sektor – hoffnungslos überbelegt

Im Allgemeinen ist hier auf Bali aber der gesamte Service-Sektor hoffnungslos überbelegt. Neben den bereits angesprochenen Berufsgruppen fallen einem noch besonders die Restaurants und Ladenlokale auf. Überall knubbeln sich die Angestellten. Vor kurzem habe ich, zusammen mit meinem lieben Vermieter (natürlich auf dem Roller), eine Mall in Denpasar (Balis Hauptstadt) besucht, um mir ein paar neue Shorts zu kaufen, weil ich so sehr abgenommen habe, dass mir meine alten Hosen vom Arsch fallen. (Das ist aber ein anderes Thema)

Vielleicht lag es am Wochentag, aber kennt Ihr noch die „gute alte“ Zeit, wo sich an der Tankstelle fünf Leute gleichzeitig um das Wohlergehen Deines Autos kümmerten? Einer tankt, einer prüft den Reifendruck, einer macht die Scheiben sauber, einer kontrolliert Kühlwasser, einer Öl, und zum Bezahlen musst Du noch nicht einmal aussteigen. Genau dieses Bild hatte ich plötzlich vor Augen, als ich die Textilabteilung des Einkaufscenters betreten habe. Das Verhältnis von Angestellten zu Kunden ist, sagen wir mal, sehr ungewohnt und proportional nicht angemessen.

Ein Vergleich zur Heimat: In einem deutschen Kaufhaus findest Du, wenn Du „Glück“ hast, keinen einzigen Verkäufer/in mehr auf der gesamten Etage – auch dann nicht, wenn Du Dich intensiv bemühst und aktiv nach ihnen suchst.

Aus dieser Beobachtung schlussfolgere ich jetzt mal kühn: Personal „kost nix“. Was mich dann wiederum wohl folgerichtig zu dem Ergebnis führt, dass dies auch keine wirkliche Alternative oder gar so etwas wie eine Karrierechance für die zahllosen Taxifahrer und Masseurinnen ist.

Die Möglichkeiten sind begrenzt

Zusammenfassend kann mal wohl sagen, die Möglichkeiten sind begrenzt, und die meisten sind froh, überhaupt einen bezahlten Job zu haben, egal wie Scheiße, schlecht bezahlt und stumpfsinnig er auch sein mag.

Wenn ich jetzt noch die Kundenfrequenz und das Kaufvolumen in die Gleichung integriere, komme ich ehrlich gesagt zu keinem vernünftigen Ergebnis. Das wirtschaftliche Konzept ist mir schleierhaft. Deutsche Aushilfsjobs, auf 450 €- oder wie auch immer gearteter Basis, wäre hier eher ein gehobenes Einkommen.

Nein, ich würde wirklich nicht tauschen wollen, weder mit den Taxifahrern, noch den Masseurinnen oder den tapferen Soldaten im Service-Bereich. Allesamt sind wahre Knochenjobs, so oder so. Viel Arbeit oder Zeit und wenig Geld, so viel ist sicher, auch ohne empirische Studie.

Freundlich und respektvoll bleiben

Habe ich Mitleid? Ja, ich gebe es zu, aus meiner Perspektive sicher. Allerdings gibt es Schlimmeres, es gibt ja immer Schlimmeres. Trotzdem, ich bemühe mich nun redlich, auf alle „Taxi!?“ und „Massaaasch?! – Rufe so respektvoll und freundlich wie irgend möglich, zu reagieren. Das gelingt mir leider nicht immer, manchmal ist das Maß einfach voll und das Glas läuft über. Nach gefühlten 1000 Ansprachen pro Tag verliere ich die Geduld, und der buddhistische Gleichmut geht flöten. Nein, nein, nein, ich will nicht! Seht ihr das denn nicht?!

Nein, tun sie nicht, oder vielleicht doch, aber sie müssen es ja zumindest versuchen. Egal, wie hoffnungslos die Aussicht auf Erfolg auch sein mag. Das Gesetz der großen Zahl, eine alte Verkäuferregel, das ist ihr Job, ob mir das nun passt oder nicht. Ich werde es nicht ändern.

Vor ein paar Tagen, hat mich nachts ein Verkäufer angesprochen. Er stand alleine und triefend nass auf der Straße. Ich sollte eines dieser billigen Regencapes (dünne, flatterige Plastiktüten) bei ihm kaufen. Das ist hier in den Tropen, wo es ständig regnet, ebenfalls ein gängiges Geschäftsmodell. Immer, wenn die Schleusen des Himmels sich öffnen, tauchen die Jungs (oder auch Frauen oder Kinder) plötzlich auf. Sie hoffen auf Touristen, die ungeschützt durch die Gegend eiern.

Nun kommt das Bemerkenswerte: Ich trug bereits mein eigenes Cape und war bestens vor dem bösen Regen geschützt. Außerdem handelt es sich dabei nicht um so eine dünne Plastiktüte, wie er sie mir gerade entgegen reichte. Die Situation war offensichtlich: Es bestand absolut kein Bedarf. Das war sofort und ohne jeden Zweifel auch für den Cape-Verkäufer zu erkennen.

Verdutzt blieb ich stehen und schaute ihn sprachlos an. Er schaute mich ebenfalls an und zog sogleich sein Angebot zurück. Dann sagte er nur: „OK, thank you“. Ich setzte meinen Heimweg fort und musste weinen: Tränen im Regen.

Aber ich werde mich bemühen. Ich werde „‚Fünfe gerade sein lassen“, einatmen, ausatmen und versuchen, alle negativen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen.

Wer weiß, vielleicht gelingt es mir ja wenigstens ein bisschen, und vielleicht kann ich mein Karma so wieder befrieden.

 

Ein junges Pärchen steht Rücken an Rücken - Sie haben Waffen in der Hand

Beziehungsdiskussion am Nebentisch

Vorwurf und Verteidigung

Leider bin ich gestern unfreiwillig stiller Zeuge einer Diskussion geworden, die ein Pärchen am Nebentisch führte. Nein, es war überhaupt nicht amüsant. Es hat mich zurückversetzt in die Vergangenheit, in eine Zeit, als ich auch noch diese Art von Diskussionen geführt habe.
Und obwohl ich einerseits froh war, kein Bestandteil zu sein, stimmte es mich traurig, dass diese „Konversationen“ überhaupt geführt werden, bzw. es irgendwann darauf hinaus läuft, dass man sie führt.

Das Karussell im Kopf

Immer wieder schnappte ich Wortfetzen und bekannte Plattitüden auf, die ich selbst schon viel zu häufig gehört und leider auch verwendet habe. Es war die Rede von „definitiv habe ich, hast du“, „im Grunde ja, aber…“ und „ganz ehrlich ja, aber nein“.

Das „Vorwurfskarussell“, wie ich mal bei Marc-Uwe Kling in den Känguru-Chroniken gelernt habe, wird angeschmissen und ist dann nicht mehr aufzuhalten. Es dreht sich, scheinbar unaufhaltsam, immer schneller. Du kannst es nicht mehr anhalten, Du verlierst die Orientierung, und dann, wie ein Automatismus, willst Du nur noch Deine Position verteidigen. Er sagt, sie sagt, das ist bald alles egal. Ein Wort gibt das andere, und irgendwann ist allen nur noch schwindelig. Du willst Dich übergeben.

Als ob hier ein innerer Trieb mit dem primären Ziel der Zerstörung genetisch einprogrammiert wäre, ohne Sinn und Verstand. Hauptsache, am Ende ist mehr kaputt als am Anfang.

Ein durch und durch destruktives Unterfangen mit keinem Ergebnis, geschweige denn Mehrwert für die beteiligten Parteien. Trotzdem zieht jeder in die blutige Schlacht, und das mit einem bedingungslosen Siegeswillen, egal was es kostet. Denn erfahrungsgemäß kann ich bestätigen; es kostet, und zwar nicht nur „etwas“, sondern viel.

Du musst immer den Preis zahlen

Achtung, Vertrauen, Liebe, Nähe und noch vieles mehr kosten diese Diskussionen, und Du musst immer den Preis zahlen – solche Schlachten gibt es nicht umsonst, so viel ist sicher. Komisch nur, dass die Akteure dies doch eigentlich gar nicht wollen. Im Grunde ihres Herzens, dort, wo einst die Liebe für den Anderen wohnte und emotional tief verwurzelt war, will man das doch überhaupt nicht. Ein Paradoxon. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht?

Meine Prämisse ist ja mittlerweile, dass dieses ganze System der Monogamie und langfristigen Beziehung ein Märchen ist. Gebaut auf dem Fundament fehlgeleiteter Romantik und Moralvorstellungen. Eine vergangene Epoche. Auch die Kirche und/oder der Glaube haben an diesem Gedankenkonstrukt einen nicht unerheblichen Anteil. Ob Du jetzt besonders gläubig bist oder nicht; das kollektive Bewusstsein, Erziehung und falsche Wert- oder Moralvorstellungen steuern ihren Anteil bei jedem von uns und auch bei Dir bei. Sie halten Dich auf Kurs.

Und dann, irgendwann, wenn Du Glück hast und endlich der „richtige“ Partner gefunden ist, dann kommt dieser Tag. Peng. Dir schwant, da stimmt was nicht, es ist anders als Du es Dir vorgestellt hast – Du musst etwas unternehmen!

Panik! Natürlich suchst Du nicht zuerst bei Dir nach Gründen, Ursachen und Fehlern; Dein Plan ist ja perfekt! Der Andere muss nur auf Kurs gebracht werden, nur eine kleine Korrektur, das ist alles. Das ist doch logisch, wenn der Andere nur nicht so störrisch wäre, einfach einlenken würde, dann wäre alles ganz einfach, ist doch logisch, wieso nur erfährst Du keine Zustimmung?

Der totale Krieg

Der dumme Molch hat einen anderen Plan, eine andere Vorstellung vom Glück. Auch er/sie verteidigt seine Ideen mit allen Waffen, die zur Verfügung stehen. Startschuss. Der totale Krieg.

Anfangs bist Du noch zurückhaltend, drückst nicht auf den roten Knopf, lässt die Atombombe im unterirdischen Bunker. Nur ab und zu ein kleiner Nadelstich, ein „kontrolliertes“ Scharmützel. Da ist Dir noch nicht bewusst, dass dies der Anfang vom Ende ist; vielleicht freust Du Dich, über eine gewonnene Schlacht. Ein schwerer Fehler, denn es wird keinen Gewinner geben. Du verlierst, Dein Partner verliert, immer.

Stück für Stück geht ein kleiner Teil vom Glück verloren. Ja und dann, irgendwann, sitzt Du im Restaurant und diskutierst Dich um den Verstand, genau wie das traurige Pärchen, das ich gerade beobachte. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte es nur so weit kommen? Dein Ego hat Dich reingelegt, Du hast Dich selbst gefickt, alles ist im Arsch.

Nun ist die Grenze überschritten, für immer. Ab hier schaffen es nur noch die Wenigsten. Der Weg zurück ist fast unmöglich. Sich wieder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen; sich wieder zu befreien, von Unsicherheit, Misstrauen, Verzweiflung und geplatzten Träumen. Fast unmöglich. Wenn Du erst einmal an diesem Punkt angelangt bist, habt Ihr eine Menge dafür getan. Ihr habt viel Energie und Zeit investiert, Euch gegenseitig zu zerstören.

Nur etwas für wahre Fighter

Warum solltest Du nun Deinen Standpunkt und Deine Argumentationskette negieren? Vollbremsung bei Tempo 180? Wenden auf der Autobahn? Eine echt schwere Kiste und nur was für Profis, die erneut und vor allem ehrlich bereit sind, alles zu investieren. Das ist unendlich schwer, wenn Du kraftlos und mit leerem Tank unterwegs bist. Nur was für wahre Fighter, nur was für ein Team mit ganz dicken Eiern.

Ja, Wunder geschehen immer wieder, allerdings ist leider etwas vollkommen Anderes die Regel. Der Horror zeigt seine hässliche Fratze. Der Alptraum beginnt. Eine „Beziehung“, die den Namen nicht mehr verdient, die nur noch zusammengehalten wird von Angst und Verachtung.

Angst, sein Leben alleine zu verbringen, alles noch einmal zu durchleben, mit dem Ergebnis, am Ende doch nichts „Besseres“ zu finden. Verachtung, die Du gleichermaßen für Dich und Deinen Partner empfindest. Aber hey, immerhin ist dies ja noch ein Gefühl. Daran hältst Du Dich nun fest. Ab jetzt befindest Du Dich in einer Hassliebe. Herzlichen Glückwunsch!

Die Jahre ziehen ins Land, nichts passiert. Nur die negativen Gefühle gewinnen noch an Kraft. Du hast schon vor langer Zeit resigniert, aber auch das ist Dir mittlerweile egal. Ein Tag ist wie der Andere, Du machst Dir schon lange keine Gedanken mehr, vielleicht empfindest Du es mittlerweile als „normal“. Bei Deinen Freunden ist es ja schließlich auch nicht anders.

Der Traum vom Glück

Plötzlich, eines Tages, wenn Du „Glück“ hast, passiert es dann: Du verliebst Dich erneut. Der Traum vom Glück flackert auf, eine Glut entflammt. Bald fragst Du Dich erneut: Ist dies nun der/die Richtige, war das Bisherige nur ein Fehlschlag, hatte ich vielleicht nur Pech? Hoffnung keimt auf, und der Kreislauf beginnt von vorne.

Ja, manche haben Glück. Sie finden das richtige Pendant. Selbst ich kenne solche Fälle, allerdings sind sie selten, das ist zumindest meine Erfahrung. Es kann in einer Beziehung nicht jeden Tag rote Rosen regnen. Diskussionen müssen geführt werden, Kompromisse geschlossen. Aber hüte Dich davor, diese unsichtbare Grenze zu überschreiten!

Danach ist alles anders. Diese Wunde heilt nicht mehr, nein, sie eitert. Eine Wiederherstellung der Patienten ist fast unmöglich. Trotzdem, die meisten Menschen wollen einfach glauben. Sie wollen glauben, dass sie das Glück finden, dass sie gesund bleiben, dass das Leben gerecht ist und vor allem zu ihnen fair sein muss. Der Lottogewinn ist in Reichweite – was für ein unrealistisches Märchen.

Ich habe den Glauben verloren

Ich glaube nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es mich auch noch mal erwischt. Was würde ich dann tun? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin nicht mehr auf der Jagd. Diese Taktik verhindert Enttäuschungen, wenn ich keine Beute mache. Vielleicht ist das ein Selbstschutz. Aber vor allem schütze ich die anderen.

Ich verlange vom Leben keine Gerechtigkeit mehr, denn sie steht mir nicht zu. Ich versuche so gut wie möglich alles anzunehmen, egal ob „gut“ oder „schlecht“. Wertung ist nur eine Sache der Perspektive und nicht kausal mit dem Ereignis oder gar mit mir verbunden, eine alte Buddhistische Weisheit. Bevor es nun zu philosophisch wird; ich versuche seit mehreren Jahren einfach diesen Ansatz zu leben, und trotzdem bin ich natürlich alles andere als perfekt.

Früher war alles besser

Früher, in der „guten alten Zeit“, war alles einfacher. Die Beziehungen haben viel länger gehalten. Natürlich. Die hatten damals ja auch keine andere Wahl, vor allem nicht die Frauen. Finanziell abhängig, ungebildet und ohne Beruf waren sie dem Patriarchat ausgeliefert.
Eine schöne Zeit für die Männer? Vielleicht, ja. Ich würde allerdings nicht tauschen wollen. Ein Liebchen am Herd, nein danke. Aber vielleicht war es tatsächlich nicht nur besser für die Männer; auch heute gibt es ja wieder viele Beziehungen, die sich bewusst für dieses Modell entscheiden. Na gut. Jeder wie er mag.

Die Vorteile sind offensichtlich. Die Aufgaben, Rechte und Rollen sind klar definiert. Jeder weiß, was er zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bringt nicht nur Vorteile. Du musst ständig Entscheidungen treffen, auch wenn du gar nicht der Typ für Entscheidungen und die daraus folgende Verantwortung bist.

Wer hatte das noch gesagt: „Es kann nicht nur Häuptlinge geben, es braucht auch Indianer“. Der Grad zwischen Macht und Machtmissbrauch ist allerdings nur ein schmaler. Das kannst Du täglich und überall beobachten: Es schafft unendlich viel Leid und Probleme.

Das WWW enttäuscht Dich nicht

Es gibt aber auch noch einen anderen Weg, den Dein „Schicksal“ für Dich wählen kann. Es ist ein ruhiger und friedlicher Weg, aber nicht weniger hässlich. Anfangs merkst Du es vielleicht nicht mal, doch plötzlich sitzt Du Deinem Partner gegenüber, und Ihr habt Euch nichts mehr zu sagen. Ihr sitzt Euch bereits zwei Stunden im Restaurant am selben Tisch gegenüber, und dann fällt es Dir auf: Ihr habt noch kein einziges Wort gewechselt!

Es ist ja auch längst alles gesagt. Der Raum um Dich herum fühlt sich so klein an wie ein Mauseloch, und gleichzeitig unendlich weit. Fluchtgedanken kommen auf. Aber zum Glück gibt es ja heute Alternativen. Man muss sich nicht mehr zwanghaft unterhalten. Du kannst auch alleine surfen, im WWW. Ihr starrt beide auf Euer Smartphone. Perfekt. Ihr habt einen Ausweg gefunden. So lässt es sich leben.

Ja, es gibt langfristige und glückliche Beziehungen, nur leider sehr selten. Das sind die Ringeltauben. Und ich, ich habe persönlich den Glauben daran längst verloren, auch wenn sich das sehr negativ anhört.

Glückliche Beziehungen sind möglich

Ad hoc kommen mir mindestens fünf Freunde in den Sinn, die mich Lügen strafen und mir aufs Äußerste widersprechen würden. Tief im Inneren meines Herzens, beneide ich sie, glaube ich zumindest. Sie haben den Glauben nicht verloren, sie sind noch romantisch, wahre Liebe ist ein reales Ziel. Wie gerne würde ich es ihnen gleich tun und den grauen Schleier von meiner besudelten, unreinen Seele wischen. Auch einfach glauben, hoffen. Wäre dies nicht einfacher?

Ja, vielleicht, sicher bequemer. Aber: Ich will das nicht mehr. Vor allem will ich keinen Schmerz mehr verursachen, nie mehr. Der Schmerz des Anderen ist auch mein Schmerz, obwohl dies im Moment der Trennung für den Partner naturgemäß kaum ersichtlich ist. Eine zerstörte Seele, Tränen, verbrannte Erde, Hass und Unverständnis. Das Destillat einer romantischen Beziehung. Nein, ich will das nicht mehr. Ich bin fertig damit. Ich bin zu einer langfristigen Beziehung nicht fähig. Im Gegenteil. Ich bin unfähig.

Alte Kamellen

Gibt es einen Lösungsansatz? Ja. Alte Kamellen, nichts, was nicht schon Tausend mal von tausend schlauen Leuten proklamiert wurde. Das Rezept ist nämlich nicht das Problem, die Umsetzung ist die wahre Challenge. Das Ankämpfen gegen Deine Natur, über Deinen eigenen Schatten springen, Dein Herz öffnen und ehrlich sein, mit Leib und Seele.

Hört sich doch einfach an… oder?

 

Zweispurige Fahrbahn voller Mopeds

Überleben unter Scootern

Lebensgefahr im Paradies

In den ersten Tagen meines Aufenthalts dachte ich noch, es liegt an der Klimaumstellung oder dem Jetlag, dass mir immer so schwindelig und schlecht wird. Bald stellte ich aber fest, dass zwischen meiner Befindlichkeit und meinem Aufenthaltsort durchaus eine Korrelation besteht.

Sobald ich mich nämlich länger im Zentrum von Ubud (Bali-Indonesien) aufhalte, passiert es: Mir wird übel und schummerig. Die Ursache war dann auch schnell identifiziert: Es sind die „Scooter“, die kleinen ratternden Zweitakter. Sie verursachen nicht nur einen nervtötenden Lärm, sondern produzieren auch noch reichlich Schadstoffe. Wie ich mittlerweile gelernt habe, liegt der Ausstoß nicht nur über denen von Pkws, sondern übertrifft auch noch Lkws, obwohl die Roller wesentlich weniger Benzin verbrennen.

Ein tödlicher Cocktail

Es ist in diesem Fall die Mischung – Benzin plus Öl – die es macht! Genau dieser Treibstoff, den die Scooter zum Fortbewegen benötigen, lässt dann auch den tödlichen Cocktail aus primären organischen Aerosolen (POA), Benzol, unverbrannten Treibstoffresten und Abbauprodukten von Öl entstehen, der als Konsequenz permanent in die Luft geblasen wird.

Ich wohne nicht auf dem Land

Um eines kurz klarzustellen: Ich komme nicht vom Lande oder bin nur mit sauberer Luft aufgewachsen, sondern wohne in einer deutschen Großstadt; allerdings kann ich mich bewusst nicht an eine derartige Luftbelastung erinnern, wie sie hier zurzeit im „Paradies“ herrscht. Ich möchte und kann allerdings auch keine wissenschaftliche Studie zu dem Thema ausarbeiten. (Wenn Du tiefer in die Thematik eintauchen möchtest, bitte einfach selbst mal googeln.)

Bei meinen eigenen Recherchen habe ich aber einen Artikel gefunden, der aussagt, dass die Stadt Tübingen eine „Abwrackprämie für Mopeds“ einführt – und zwar, weil der Schadstoffausstoß so dermaßen hoch ist, dass der Oberbürgermeister Boris Palme die beliebten Zweiräder sogar als „Giftgasgeräte“ bezeichnet. Die Stadt hat allerdings dem Artikel zufolge mit nur ca. 100 Mopeds pro Tag gerechnet.

Im Vergleich zu Bali ist das der reinste Sarkasmus, denn hier sehe ich mindestens 100 Drecksschleudern pro Minute. Mit den Motorrollern wird hier alles erledigt: Mobilität in der Freizeit, der Weg zwischen Zuhause und Arbeitsstätte, der Transport von Waren und Gütern, die Beförderung der gesamten Familie (auf einer Maschine), das eigene Business (mobile Garküchen, Lieferservice…), an jeder Ecke eine Vermietung für Touristen und, nicht zuletzt, das eigene kleine Taxi-Unternehmen.

Es gibt keine vernünftigen Alternativen

Und genau da liegt das Problem: Man kann die Dinger trotz der enormen Umweltbelastung nicht einfach abschaffen, denn es gibt zurzeit noch keine bezahlbaren (oder überhaupt irgendwelche) Alternativen für die Bevölkerung. Fahrradfahren ist anscheinend keine Option, und weil es an Lösungen mangelt, sitzt ihnen sprichwörtlich erstmal das Hemd näher als die Hose.

Ein zweischneidiges Schwert

Ich habe allerdings das Gefühl, das es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert handelt – vielleicht so ähnlich wie mit dem Plastikmüll, zu dem ich auch noch ein paar Worte geschrieben habe (noch nicht veröffentlicht). Ich hoffe, gegen den Feinstaub wird schneller eine Lösung gefunden, bevor hier bald alle Luftnot bekommen und tot umfallen oder einen Herzinfarkt erleiden. Zum Problem Plastikmüll wurde ja von Indonesiens Regierung kürzlich der Notstand ausgerufen – ich wünsche ihnen von ganzem Herzen viel Glück und ein gutes Gelingen!

Ich selbst habe mir übrigens noch keine dieser Nähmaschinen ausgeliehen, um damit ständig rumzugurken und ebenfalls Teil des Problems zu seins. Meine eigene CO2-Bilanz ist ja auch so schon ganz ordentlich, alleine, wenn ich den Flug hierhin berechne. Allerdings gibt es für/gegen das Benutzen eines Scooter noch ganz andere Gründe. Zum Beispiel die eigene Sicherheit im Straßenverkehr: Es gibt hier eigentlich kaum Verkehrsregeln, oder wenn, dann haben sich diese mir noch nicht erschlossen.

Verkehrsregeln musst Du vergessen

Alles, was ich mal in der Fahrschule gelernt habe, spielt hier kaum eine Rolle. Einbahnstraßen, durchgezogene Linien, Ampeln, Zebrastreifen, links oder rechts fahren, eben allgemeingültige Regeln, die in Deutschland (meistens zumindest) beachtet werden. All das ist, im besten Falle, nur als theoretischer Überbau vorhanden. Bei genauerer Beobachtung ist das Fehlen von Regeln auf eine merkwürdige Weise auch logisch und offensichtlich: Mit festen Regeln würde das gesamte System implodieren. Ich habe keine genauen Zahlen, wie viele der beschriebenen Feuerstühle hier rumgasen; gefühlt sind es aber mehr, als die Insel Einwohner hat.

Das Drama spielt sich in der Regel nicht auf gut ausgebauten Straßen ab, sondern meist auf kleineren Pisten. Die Hauptstraßen hier in Ubud sind maximal zweispurig, die Nebenstraßen einspurig. So oder so muss sich der gesamte Verkehr den Platz teilen. Die Akteure sind an erster Stelle natürlich die Mopeds (die bilden eindeutig die Mehrheit), Autos, ein paar Fahrradfahrer (meist Touristen), mobile Händler (die Nahrung jeglicher Art anbieten), Fußgänger und zuletzt die Hunde. Um das Gewusel zu perfektionieren, haben die Indonesier den ganzen Verkehr auch noch auf Links gedreht, alles fährt also „verkehrt herum“.

Tropischer Regen – Eine Naturgewalt

Auch wenn es kaum zu glauben ist: Es gibt sogar noch eine Steigerungsform zu diesen ohnehin unübersichtlichen Chaos: Regen! Kein harmloser deutscher Regen, sondern tropischer Regen. Meistens zu erleben in, wer hätte das gedacht, der Regenzeit. Diese trägt ihren Namen zurecht: Die Schleusen des Himmels tun sich auf und lassen in kürzester Zeit unvorstellbare Wassermassen auf die Stadt und alles, was sich in ihr befindet, pladdern.

Mit dem Boot durch die Straßen schippern

Nach zwei Minuten könnte man theoretisch auch mit dem Boot durch den dann entstanden Straßen-Kanal schippern (das hab ich allerdings noch nicht gesehen). Leicht vorzustellen, dass ein solches Wetterereignis nicht gerade entspannend auf den Verkehr und seine Teilnehmer wirkt. Ein beeindruckendes Schauspiel ist der Niedergang der Wassermassen aber in jedem Fall, vielleicht schreibe ich zu dem Thema auch noch mal was (ich liebe diesen warmen Regen, denn Du hast dadurch eine sehr direkte Verbindung mit den Naturgewalten).

Beobachtung am Rande: Kein Hund kennt hier eine Leine, jedenfalls habe ich noch keine gesehen (die einzigen Ausnahmen sind die Hunde von Touristen und ein Schoßhund, der von einem Einheimischen getragen wurde).  Faszinierend dabei ist, dass die Flohteppiche trotzdem nicht alle Nase lang überfahren werden. Sie finden sich im Verkehrschaos „wunderbar“ zurecht. Aber nicht, dass jetzt jemand auf die Idee kommt, die motorgetriebenen Fahrzeuge würden eventuell Rücksicht nehmen oder gar bremsen – niemals, oder nur als letzte aller Möglichkeiten.

Bremsen ist einfach keine Option. Hupen vielleicht, allerdings nicht für Hunde. Trotzdem überleben die Tiere das irgendwie und überqueren, selbst im stärksten Verkehr, routiniert die Fahrbahn; ich habe das oft mit großer Bewunderung beobachtet. Die alten, kranken und schon fast vergammelten Köter warten lieber auf eine größere Lücke; die jungen Wilden lassen es auch gerne mal sportlich angehen. Jeder nach seinen Möglichkeiten also, aber ich habe nie gesehen, dass die Viecher, ohne zu gucken, dusselig und verträumt auf die Straße tapern, um gleich darauf einen Kühler zu schmücken bzw. einen Scooter auszubremsen.

In Deutschland wäre das undenkbar – in der Bundesrepublik gilt meist das Motto: Leine los, Hund tot. Ziemlich sichere Sache. Dazu kommt noch Ärger mit dem Geschädigten der Versicherung, ganz abgesehen natürlich auch von der persönlichen Betroffenheit. Das gibt’s hier alles nicht – die Hunde haben oftmals keinen wirklichen Besitzer, aber sie haben gelernt, was sie zu tun und zu lassen haben, kennen ihren Platz und latschen nicht unvorsichtig auf die Straße.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich hier besonders viele Menschen mit Haftung und Versicherung für Hunde auskennen. Faszinierend, wie anpassungsfähig doch so ein Tier sein kann.

Fußgänger – Das schwächste Glied in der Kette

Die Fußgänger könnten theoretisch auch auf den „Bürgersteigen“ laufen, falls tatsächlich einmal welche vorhanden sind, allerdings sind diese dann vollkommen zugeparkt von den Mofas. Zugeparkt bedeutet hier auch wirklich flächendeckend belegt, ohne Rücksicht auf anderweitige Interessen. Alles wird einfach quer gestellt, wo und wie es passt.

Damit befindest Du Dich als Fußgänger nun in der misslichen Lage, ständig vom „Gehweg“ auf die Strasse wechseln zu müssen. Die meisten interessiert bald nicht mehr, ob sie den Gehweg oder die Straße nutzen, und alle laufen da, wo gerade ein wenig Platz ist, denn es geht auch kaum anders. Jetzt befinden sich alle auf der Fahrbahn – das Spiel beginnt!

Dem Wahnsinn einfach ausgeliefert

Anfangs hatte ich wirklich Angst! Du kannst unmöglich den Überblick behalten oder gar die Situation kontrollieren; nein, Du bist dem Wahnsinn einfach ausgeliefert. Also fallen lassen und mitschwimmen, ansonsten musst Du leider im Hotel oder Deinem Appartement bleiben; keine Chance! Wenn Du es aber schaffst und die nötige Gelassenheit (oder Gleichgültigkeit) entwickelst, dann funktioniert es irgendwie; Du darfst eben nur nicht weiter darüber nachdenken.

Und entgegen der Meinung, die insbesondere die Einheimischen vertreten, ist diese ganze Szenerie sehr wohl gefährlich! Ich persönlich habe in zwei mehreren Wochen bereits drei sehr viele Unfälle gesehen, immer mit Moped-Beteiligung – alles andere würde ehrlich gesagt auch an ein Wunder grenzen. Alles fährt und geht durcheinander, und jeder macht was er/sie/es will; da muss es zwangsläufig zu Konflikten, Missverständnissen und daraus resultierenden Unfällen kommen.

Die Hupe ist lebensnotwendig

Die einzige Art der Kommunikation, die die Katastrophe noch etwas hinauszögert, ist die Hupe. DAS Mittel der Wahl, wenn es um gegenseitige Kommunikation im Straßenverkehr geht. Ein kleiner Druck auf den Knopf gibt den Weg frei für ein Füllhorn an Botschaften. Im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Bedeutungen habe ich selbstverständlich noch nicht interpretieren oder übersetzen können, einige haben sich mir allerdings schon erschlossen (so glaube ich zumindest).

Erst einmal alles vergessen

Zuerst musst Du alles vergessen, was Du über Hupen in Deutschland kennst und das zuvor Geschriebene berücksichtigen. Die Hupe ist hier essenziell und nicht nur zu benutzen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, so wie es eigentlich im deutschen Straßenverkehr vorgesehen ist.

Die Semiotik des Hupens – Das kleine Einmaleins:

Einfache Vokabeln (kurzes Tüt | kurzes Tüt-Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Hallo!
  • Danke!
  • Bitte!
  • Tschüß!
  • Taxi!?

Erweiterte Linguistik (kurzes Tüt | langes Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Geh mal beiseite!
  • Vorsicht, ich überhole dich jetzt!
  • Obacht, ich fahre auf der falschen Fahrbahn!
  • Ich habe dich gesehen, siehst du mich auch!?
  • Guck mal, ich fahre jetzt neben dir!
  • Mach Platz, ich bin schneller!
  • Alles OK!

Meisterklasse (sehr langes Tüt | kurzes Tüt + langes Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Mach Platz, ich passe noch dazwischen!
  • Habe ich längst gesehen, ich bin doch nicht blind!
  • Reg dich nicht so auf!

Entziffere den Code!

Aufgrund der multifunktionalen Signale ist es natürlich unabdingbar, den empfangenen Code mit dem visuellen Umfeld und den eigenen Emotionen abzugleichen. Gefolgt von einer blitzschnellen Reaktion und der richtigen Entscheidung sicherst Du Dir das Überleben im Straßenverkehr auf Bali.

Wenn Du Dich auf der Straße mit dieser Aufgabe überfordert fühlen solltest, unsicher bist oder einfach keine Lust hat, in irgendeiner Art und Weise zu reagieren, dann signalisierst Du dies dem Hupenden ganz einfach mit Untätigkeit. Peng! Jetzt weiß er Bescheid. Du hast den Ball zurückgespielt; die Kommunikation ist fehlgeschlagen. Nun muss er wieder handeln.

Entscheide weise!

Allerdings solltest Du bedenken: Das Unterlassen irgendeiner Handlung kann ebenfalls bedeuten, dass Du dem Anliegen Deines Gegenübers zustimmst und ihn/sie gewähren lässt. Also wäge sorgsam ab und entscheide weise.

Bis dahin meine Feldstudie, auf die ich hier ausdrücklich, schon aus haftungstechnischen Gründen, keine Garantie geben kann und will! Das betrifft gleichermaßen die Vollständigkeit, als auch die Übersetzung der gelisteten Hupsignale. Abgesehen davon bezweifle ich, dass es überhaupt einen vollständigen, verlässlichen Katalog gibt beziehungsweise dieser von irgendjemandem beherrscht wird, und selbst wenn, müsste dieser „jemand“ ja auch noch gleichzeitig auf ein Gegenüber treffen, der alles fehlerfrei versteht. Ich gebe somit zu Bedenken, welche Fülle von menschlichen, technischen und situativen Einflüssen hier außerdem noch eine Rolle spielt.

Mit der Gasmaske im Paradies der Götter

Das aber nur am Rande, zurück zum eigentlichen Thema bzw. zu meinem toxischen Schock durch die Scooter. Mir wird echt schlecht davon, und ich will wirklich keine Pussy sein! Ich musste etwas tun, soviel stand schnell fest, und da lag nichts näher, als es manchen Balinesen gleichzutun und mir auch so eine Atemmaske zu kaufen. So eine, die auch im Krankenhaus oder von den Menschen in Chinas Großstädten getragen wird.

Einfache Filter helfen nicht wirklich

Wahnsinn, dachte ich noch, da biste jetzt im „Paradies der Götter“ und läufst mit ’ner Gasmaske durch die Gegend – irgendwie pervers. Und das Ergebnis war ernüchternd: Der Filter der Atemmaske funktioniert nicht wirklich. Er lindert das Ganze zwar etwas, aber die beworbene Reduktion auf der Verpackung bezieht sich wohl eher auf Laborbedingungen, wenn alles durch die Membran gefiltert wird und nicht 80 % der Luft und somit auch der Schadstoffe an den Seiten ihren Weg zu deinen Lungen finden. Pech gehabt!

Kannst Du den Moloch überleben?

Ich vermute, der Aufenthalt in Ubud wird mir wohl nicht den schnellen Tod bringen, wahrscheinlich aber meine Gesamtlebenszeit verkürzen – egal, das war mir noch nie so wichtig. Derweil koordiniere ich meine Wege möglichst optimal über die kleineren Straßen und versuche, den Moloch zu vermeiden. Abseits der vielbefahrenen Strecken findet man ohnehin die schöneren Ecken und die netteren Menschen.

Als Bonus erhalte ich durch die meist längeren Wege ein kostenloses Workout, und wenn ich unterwegs Hunger bekommen sollte, ist das Angebot meist authentischer, wohlschmeckender und günstiger. Und dem paradiesischen Eindruck, den man von Indonesien wohl eigentlich erwartet, komme ich so auch gleich viel näher.

Update

Mittlerweile bin ich umgezogen nach Tibubeneng, Badung – ebenfalls noch auf Bali. Ich habe eine schöne Bleibe und es eigentlich ganz gut getroffen. Scooter-technisch, legen die Jungs und Mädels hier allerdings noch mal eine Schippe drauf. Auf der Kreuzung, ein paar hundert Meter von meinem Apartment sieht es den ganzen Tag so aus: