Ein Stapel mit jungen Kokosnüssen - farblich verfremdet

Kanonenkugeln fallen vom Himmel

Kokosnüsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe oder wie man den Bezug zur Realität verliert

Das Thema ist nicht neu, allerdings nach wie vor topaktuell, wie ich feststellen musste. Vor ein paar Tagen schoss mir plötzlich eine dieser Headlines durch den Kopf: „Kokosnüsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe“.

So oder so ähnlich habe ich sie schon des Öfteren irgendwo gelesen. Du bestimmt auch. Bis dato hatte ich mich allerdings noch nicht weiter mit dieser Thematik beschäftigt, aber nun gab es einen Grund. Ich hatte nämlich einen persönlichen Bezug.

Alles begann mit einem blöden Affen

Ein blöder Affe hätte mir beinahe mit so einem Teil den Schädel gespalten! Eine tödliche Gefahr, mit der ich niemals gerechnet hätte. Das spielte für die Gefahr und den Affen allerdings keine Rolle. Ich stand lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Besagter Primat hatte die Frucht irgendwo erbeutet und schickte sich nun an, die harte Schale zu knacken, um an das nahrhafte Fruchtfleisch zu gelangen. Er wusste genau, wie er dies zu bewerkstelligen hatte. Stumpfe Gewalteinwirkung auf kleiner Fläche, das hatte er gelernt, wie und wo auch immer. Also flugs auf einen Baum geklettert und die harte Nuss aus großer Höhe gen Boden geschleudert. Ob ich oder sonst wer im Weg stand, interessierte den Klettermaxe nicht die Bohne.

Thematische Erläuterung: Die Viecher sind selbstbewusst, dreist und respektlos. Sie haben, zumindest hier in Ubud-Bali, keine natürlichen Feinde. Sie nehmen sich schneller, als Du gucken kannst, alles, was sie wollen oder meinen, irgendwie gebrauchen zu können. Insbesondere bei Nahrung werden keine Gefangenen gemacht. Unter ihresgleichen wird zumindest noch gekämpft; es gibt eine Rangordnung, soziale Regeln – oder es gilt: Der Schnellere gewinnt. Aber Touristen sind die perfekten Opfer.

Ich habe schon beobachtet, wie die Makaken innerhalb von Sekunden einen Touri abrippen. Hierzu greifen sie zielgerichtet und hoch effektiv im Rudel an, ähnlich den Taschendieben auf dem Weihnachtsmarkt. Der ahnungslose Futterbeutel latscht mit der Einkaufstüte durch ihre Hood: Ein schwerer Fehler.

Ein junger Affe (Makake) hängt über einen Ast gelehnt

Das eingespielte Team nutzt unverzüglich die Chance. Pusher und Diebe machen sich bereit: Die Rollen sind klar verteilt, alles geht blitzschnell. Der Touri ist seine Tüte los. Falls er sich nicht sofort von seinem Besitz trennen will, wird die Plastiktüte einfach aufgerissen. Kein Chance für den Traumtänzer. Hier regiert das Gesetz der Natur. So etwas ist der Homo Sapiens nicht mehr gewohnt. Die Affen halten sich nicht an Regeln. Jedenfalls nicht an die, die von den dusseligen Menschen gemacht wurden.

Die Bilanz: Ein verdutzter Tourist, der immer noch nicht begriffen hat, was da gerade mit ihm geschehen ist, und das Überfallkommando, das sich längst um die Beute schlägt. Denn nach dem gelungenen Coup löst sich die Diebesbande sofort auf. Jetzt heißt es wieder: Jeder gegen jeden.

Hart am Leben vorbei geschrammt

Zurück zu meinem (fast) tödlichen Unfall: Bum, krach, peng! Die braune, haarige Riesennuss schlug nur wenige Zentimeter von mir entfernt krachend auf den harten Boden. Ein amtlicher Schrecken durchfuhr meinen Körper. Was war das denn? Eine junge Balinesin in sicherer Entfernung fand das irgendwie lustig und lachte entsprechend.

Langsam checkte ich auch die Sachlage. Das Ding verfehlte meinen Kopf nur um wenige Millimeter. Das hätte auch anders ausgehen können, rekapituliere ich noch verwirrt. Derweil hatte mein genetisch Anverwandter die geöffnete Frucht bereits eingesackt und abtransportiert.

Dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe gesprungen

Ja, und genau in diesem Moment sind mir diese Headlines mit den “Todesopfern durch Kokosnüsse” plötzlich ganz real und plausibel vorgekommen. Obwohl es sich bei diesem Ereignis nicht um eine „natürlich“ gefallene Kokosnuss handelte. Immerhin konnte ich dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe springen. Aber die Gedanken an dieses für mich außergewöhnliche Ereignis haben mich noch den ganzen Tag begleitet. Verdammter Affe!

Aber ehrlich gesagt: Es war für mich jetzt nicht wirklich so ein Drama, wie ich es gerade dargestellt habe. Ich rechne nämlich immer mit dem Tod oder einem schlimmeren Ereignis. Diese Taktik bewahrt mich vor unliebsamen Überraschungen. Es trifft doch immer irgendwen oder irgendwas. Das ist ein vollkommen normaler und natürlicher Vorgang. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit kennt kein Erbarmen. Irgendwann ist jeder dran. „Ist die Zeitkoordinate nur lang genug, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit auf 0“.

Theoretisch ist das auch den meisten Menschen bewusst, jedenfalls mehr oder weniger. Sie wollen es nur nicht akzeptieren, oder vielleicht ein bisschen, aber auf keinen Fall für sie persönlich. Ich vermute, deshalb ist dann bei diesen Menschen auch die Betroffenheit so groß, wenn ihnen oder ihrem Umfeld ein Unglück widerfährt.

Der Kern der Geschichte

Wäre es nicht eine phantastische Vorstellung, wenn mir die Gefahr bereits im Vorfeld bewusst gewesen wäre? Damit meine ich natürlich nicht nur diese, sondern jede Gefahr. Also wenn es, so eine Art kollektives Bewusstsein geben würde, das bei mir frühzeitig einen Alarm ausgelöst hätte?

Ist das Utopie oder die Zukunft, ich hab keine Ahnung. Bei den Borg1 funktioniert das aber auch. Und selbst Ratten oder Kakerlaken sind, zumindest in diesem Bereich, genetisch wesentlich besser ausgerüstet als wir Menschen. Wahrscheinlich ebenfalls auch noch einige andere Tierarten und Pflanzen, die ich aber nicht benennen kann.

Die borg-Königin und Data vor einer futoristischen Kulisse

Dem Menschen nutzt aber beim Abwenden einer im unbekannten Gefahr die kollektive Erfahrung rein gar nichts. Das schöne große Gehirn ist dann vollkommen nutzlos. Klar, wir können uns Informieren und lernen, das ist aber im Vergleich zur Tierwelt sehr zeitaufwendig und ineffektiv.

In den folgenden Tagen sind übrigens noch einige andere Sachen vom Himmel gefallen, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Die Schalen von abgenagten Früchten, Pippi, Kacka, Kerne von Steinobst und all der gesammelte Müll, für den die Affen dann doch keine Verwendung mehr hatten.

Ab und an kann es auch mal passieren, dass Dich so ein haariges Teil anspringt. Sie wollen Dich nicht angreifen oder beißen, jedenfalls nicht sofort. Die Makaken möchten nur genau prüfen und sich persönlich davon überzeugen, ob Du nicht vielleicht doch irgendwas Essbares vor ihnen verheimlichst.

Hätte ich das alles bereits am ersten Tag gewusst und nicht erst am dritten, wäre ich von Anfang an sicher durch das Territorium der Viecher marschiert. Genau so wie die Balinesin, die lachend meinem (fast) Unfall beiwohnte. Soweit die Theorie, aber stimmt das auch?

Das Paradoxon der persönlichen Risikoanalyse

Warum klafft zwischen der realen Gefahr und der persönlichen Risikoanalyse eine so große Kluft? Ist das nicht total paradox? Abstrakte Ängste bestimmen unser tägliches Handeln und den Alltag. Das tatsächliche, real existierende Risiko, wird dagegen vollkommen ausgeblendet oder auf wundersame Weise „unsichtbar“.

Überschätzte Gefahr und Angstauslöser:

  • Schweinegrippe, Hühnergrippe, Vogelgrippe
  • Haie, Bären, Schlangen, Spinnen
  • Ausländer, Asylbewerber
  • Wirtschaftskrisen, Inflation, Geldentwertung, steigende Butterpreise
  • Last but not least: Der Terrorismus (eine der schlimmsten Ängste)

Die wahren Killer:

  • Herz- Kreislauferkrankung
  • Bewegungsmangel, Fettleibigkeit
  • Alkoholismus, Tabaksucht, Tablettenabhängigkeit

Natürlich sind die aufgeführten „Angstauslöser“ existent und fordern ihre Opfer, allerdings stehen sie in keinem Verhältnis zu den daraus resultierenden Ängsten. Theoretisch müssten ja eigentlich „die wahren Killer“, die uns täglich mit Zahlen und Fakten belegt werden und allgegenwärtig sind, sofortige Panik bei allen auslösen. Ungebremster Handlungswille und Aktionismus wäre angesagt. Jeder müsste unermüdlich versuchen, die Einflüsse, die uns umbringen, abzuwenden.

Eine todbringende Pandemie

Wenn ich jetzt alle Fakten zusammenfasse und mir zum Beispiel das alte Sprichwort “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” ansehe, stelle ich Folgendes fest: Das ist grundsätzlich totaler Joghurt. Es trifft auf den Menschen höchstens selektiv, aber auf keinen Fall grundsätzlich zu.

Eine todbringende Pandemie rafft uns alle schleichend und stetig dahin. Nein, natürlich nicht Ebola, denn davor haben wir ja alle2 panische Angst. Es ist ein anderer Virus, der, so glaube3 ich, noch nicht benannt oder klassifiziert wurde.

Symptome und Krankheitsverlauf

Erste Symptome: Fakten, Sachverhalte und Erkenntnisse verschwinden im Nebel, der persönliche Horizont wird radikal eingeschränkt. Weiterer Krankheitsverlauf: Vollkommen unlogische Entscheidungen und absolut irrationales Verhalten in selektiv ausgewählten Lebensbereichen. (Komisch, hört sich fast an wie Alzheimer, ist es aber nicht.)

Und ja, natürlich: Ich bin ebenfalls infiziert, wie gruselig! Folglich hätte mir also dieses ganze kollektive Borg-Wissen überhaupt nichts gebracht. Als Mensch in der heutigen Version würde ich die Informationen schlicht und ergreifend nicht verarbeiten oder nutzen. Evolutionär gesehen ist das ein Trauerspiel.

Nebenkriegsschauplätze und Schlupflöcher

Aber warum sind wir nur so, wie wir sind? Warum suchen wir uns lieber ein Schlupfloch, egal was es kostet, als zum Beispiel die Ernährung oder die persönlichen Lebensumstände zu ändern und das Problem zu lösen? Weshalb regen wir uns lieber kollektiv in regelmäßigen Abständen über Nebenkriegsschauplätze und Nichtigkeiten auf, als konsequent im eigenen Handlungsbereich zu sein? Wieso ist den meisten, “die Gesundheit sooo wichtig” aber die „lieb gewordenen“ (schlechten) Gewohnheiten werden mit allen Mitteln verteidigt?

Mein persönliches Ursachen-Ranking:

  • Egoismus
  • Faulheit und Bequemlichkeit (Acedia – Eine Todsünde)
  • Genusssucht (Luxuria – Eine Todsünde)
  • Wahre Dummheit (Da kann man nix machen)
  • Unwissenheit (Heutzutage? Das geht echt nicht mehr)

Erlösung von dem Übel

Nein, ich habe nicht wirklich eine Lösung, tut mir Leid! Ich bin ja kein Wissenschaftler, und außerdem hatte ich wieder mal keine Lust, eine fundierte Recherche anzustellen. Auch das tut mir Leid, wenigstens ein wenig. Abgesehen davon würde das, glaube ich, auch nichts bringen. Bei dieser Kokosnuss-Geschichte geht es ja lediglich um das eigenartige Zusammenspiel von Realität, Angst und der daraus resultierenden, persönlichen Entscheidung. Genaue Zahlen sind für die Darstellung des Problems vollkommen irrelevant.

Homo sapiens VX.x

Aber wir überleben den ganzen Wahnsinn ja irgendwie. Vielleicht muss das ja auch alles so sein, damit wir nicht total durchdrehen, weil unser begrenzter Verstand einfach nur selektiv denken kann. Trotzdem, ich wünsche mir schon, dass die Menschheit noch mal ’ne Schippe drauflegt. Vielleicht dann im nächsten Major Release. Oder im übernächsten.


Fußnoten:

1. Wir sind die Borg! Die Existenz, wie sie sie kennen, endet hiermit. Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufügen. (So oder so ähnlich, ich muss zugeben, ich bin keine Trekkie.)
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2. Mit “alle” sind natürlich wir Menschen in der westlichen Welt gemeint. Ich möchte weder Ebola runterspielen, noch die Menschen in den tatsächlich betroffenen Gebieten diffamieren. Ganz im Gegenteil, ich finde es sehr traurig und beschämend, dass wir (speziell die Pharmakonzerne) nicht mehr Hilfestellung leisten. Meistens liegen die Ursachen für dieses Handeln in rein wirtschaftlichen Interessen.
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3. Die Faktenlage habe ich natürlich nicht recherchiert. Es kann also sein, dass ich (wie immer möglich) total falsch liege. Vielleicht gibt es ja sogar schon ein Heilmittel, wer weiß.
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Zweispurige Fahrbahn voller Mopeds

Überleben unter Scootern

Lebensgefahr im Paradies

In den ersten Tagen meines Aufenthalts dachte ich noch, es liegt an der Klimaumstellung oder dem Jetlag, dass mir immer so schwindelig und schlecht wird. Bald stellte ich aber fest, dass zwischen meiner Befindlichkeit und meinem Aufenthaltsort durchaus eine Korrelation besteht.

Sobald ich mich nämlich länger im Zentrum von Ubud (Bali-Indonesien) aufhalte, passiert es: Mir wird übel und schummerig. Die Ursache war dann auch schnell identifiziert: Es sind die „Scooter“, die kleinen ratternden Zweitakter. Sie verursachen nicht nur einen nervtötenden Lärm, sondern produzieren auch noch reichlich Schadstoffe. Wie ich mittlerweile gelernt habe, liegt der Ausstoß nicht nur über denen von Pkws, sondern übertrifft auch noch Lkws, obwohl die Roller wesentlich weniger Benzin verbrennen.

Ein tödlicher Cocktail

Es ist in diesem Fall die Mischung – Benzin plus Öl – die es macht! Genau dieser Treibstoff, den die Scooter zum Fortbewegen benötigen, lässt dann auch den tödlichen Cocktail aus primären organischen Aerosolen (POA), Benzol, unverbrannten Treibstoffresten und Abbauprodukten von Öl entstehen, der als Konsequenz permanent in die Luft geblasen wird.

Ich wohne nicht auf dem Land

Um eines kurz klarzustellen: Ich komme nicht vom Lande oder bin nur mit sauberer Luft aufgewachsen, sondern wohne in einer deutschen Großstadt; allerdings kann ich mich bewusst nicht an eine derartige Luftbelastung erinnern, wie sie hier zurzeit im „Paradies“ herrscht. Ich möchte und kann allerdings auch keine wissenschaftliche Studie zu dem Thema ausarbeiten. (Wenn Du tiefer in die Thematik eintauchen möchtest, bitte einfach selbst mal googeln.)

Bei meinen eigenen Recherchen habe ich aber einen Artikel gefunden, der aussagt, dass die Stadt Tübingen eine „Abwrackprämie für Mopeds“ einführt – und zwar, weil der Schadstoffausstoß so dermaßen hoch ist, dass der Oberbürgermeister Boris Palme die beliebten Zweiräder sogar als „Giftgasgeräte“ bezeichnet. Die Stadt hat allerdings dem Artikel zufolge mit nur ca. 100 Mopeds pro Tag gerechnet.

Im Vergleich zu Bali ist das der reinste Sarkasmus, denn hier sehe ich mindestens 100 Drecksschleudern pro Minute. Mit den Motorrollern wird hier alles erledigt: Mobilität in der Freizeit, der Weg zwischen Zuhause und Arbeitsstätte, der Transport von Waren und Gütern, die Beförderung der gesamten Familie (auf einer Maschine), das eigene Business (mobile Garküchen, Lieferservice…), an jeder Ecke eine Vermietung für Touristen und, nicht zuletzt, das eigene kleine Taxi-Unternehmen.

Es gibt keine vernünftigen Alternativen

Und genau da liegt das Problem: Man kann die Dinger trotz der enormen Umweltbelastung nicht einfach abschaffen, denn es gibt zurzeit noch keine bezahlbaren (oder überhaupt irgendwelche) Alternativen für die Bevölkerung. Fahrradfahren ist anscheinend keine Option, und weil es an Lösungen mangelt, sitzt ihnen sprichwörtlich erstmal das Hemd näher als die Hose.

Ein zweischneidiges Schwert

Ich habe allerdings das Gefühl, das es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert handelt – vielleicht so ähnlich wie mit dem Plastikmüll, zu dem ich auch noch ein paar Worte geschrieben habe (noch nicht veröffentlicht). Ich hoffe, gegen den Feinstaub wird schneller eine Lösung gefunden, bevor hier bald alle Luftnot bekommen und tot umfallen oder einen Herzinfarkt erleiden. Zum Problem Plastikmüll wurde ja von Indonesiens Regierung kürzlich der Notstand ausgerufen – ich wünsche ihnen von ganzem Herzen viel Glück und ein gutes Gelingen!

Ich selbst habe mir übrigens noch keine dieser Nähmaschinen ausgeliehen, um damit ständig rumzugurken und ebenfalls Teil des Problems zu seins. Meine eigene CO2-Bilanz ist ja auch so schon ganz ordentlich, alleine, wenn ich den Flug hierhin berechne. Allerdings gibt es für/gegen das Benutzen eines Scooter noch ganz andere Gründe. Zum Beispiel die eigene Sicherheit im Straßenverkehr: Es gibt hier eigentlich kaum Verkehrsregeln, oder wenn, dann haben sich diese mir noch nicht erschlossen.

Verkehrsregeln musst Du vergessen

Alles, was ich mal in der Fahrschule gelernt habe, spielt hier kaum eine Rolle. Einbahnstraßen, durchgezogene Linien, Ampeln, Zebrastreifen, links oder rechts fahren, eben allgemeingültige Regeln, die in Deutschland (meistens zumindest) beachtet werden. All das ist, im besten Falle, nur als theoretischer Überbau vorhanden. Bei genauerer Beobachtung ist das Fehlen von Regeln auf eine merkwürdige Weise auch logisch und offensichtlich: Mit festen Regeln würde das gesamte System implodieren. Ich habe keine genauen Zahlen, wie viele der beschriebenen Feuerstühle hier rumgasen; gefühlt sind es aber mehr, als die Insel Einwohner hat.

Das Drama spielt sich in der Regel nicht auf gut ausgebauten Straßen ab, sondern meist auf kleineren Pisten. Die Hauptstraßen hier in Ubud sind maximal zweispurig, die Nebenstraßen einspurig. So oder so muss sich der gesamte Verkehr den Platz teilen. Die Akteure sind an erster Stelle natürlich die Mopeds (die bilden eindeutig die Mehrheit), Autos, ein paar Fahrradfahrer (meist Touristen), mobile Händler (die Nahrung jeglicher Art anbieten), Fußgänger und zuletzt die Hunde. Um das Gewusel zu perfektionieren, haben die Indonesier den ganzen Verkehr auch noch auf Links gedreht, alles fährt also „verkehrt herum“.

Tropischer Regen – Eine Naturgewalt

Auch wenn es kaum zu glauben ist: Es gibt sogar noch eine Steigerungsform zu diesen ohnehin unübersichtlichen Chaos: Regen! Kein harmloser deutscher Regen, sondern tropischer Regen. Meistens zu erleben in, wer hätte das gedacht, der Regenzeit. Diese trägt ihren Namen zurecht: Die Schleusen des Himmels tun sich auf und lassen in kürzester Zeit unvorstellbare Wassermassen auf die Stadt und alles, was sich in ihr befindet, pladdern.

Mit dem Boot durch die Straßen schippern

Nach zwei Minuten könnte man theoretisch auch mit dem Boot durch den dann entstanden Straßen-Kanal schippern (das hab ich allerdings noch nicht gesehen). Leicht vorzustellen, dass ein solches Wetterereignis nicht gerade entspannend auf den Verkehr und seine Teilnehmer wirkt. Ein beeindruckendes Schauspiel ist der Niedergang der Wassermassen aber in jedem Fall, vielleicht schreibe ich zu dem Thema auch noch mal was (ich liebe diesen warmen Regen, denn Du hast dadurch eine sehr direkte Verbindung mit den Naturgewalten).

Beobachtung am Rande: Kein Hund kennt hier eine Leine, jedenfalls habe ich noch keine gesehen (die einzigen Ausnahmen sind die Hunde von Touristen und ein Schoßhund, der von einem Einheimischen getragen wurde).  Faszinierend dabei ist, dass die Flohteppiche trotzdem nicht alle Nase lang überfahren werden. Sie finden sich im Verkehrschaos „wunderbar“ zurecht. Aber nicht, dass jetzt jemand auf die Idee kommt, die motorgetriebenen Fahrzeuge würden eventuell Rücksicht nehmen oder gar bremsen – niemals, oder nur als letzte aller Möglichkeiten.

Bremsen ist einfach keine Option. Hupen vielleicht, allerdings nicht für Hunde. Trotzdem überleben die Tiere das irgendwie und überqueren, selbst im stärksten Verkehr, routiniert die Fahrbahn; ich habe das oft mit großer Bewunderung beobachtet. Die alten, kranken und schon fast vergammelten Köter warten lieber auf eine größere Lücke; die jungen Wilden lassen es auch gerne mal sportlich angehen. Jeder nach seinen Möglichkeiten also, aber ich habe nie gesehen, dass die Viecher, ohne zu gucken, dusselig und verträumt auf die Straße tapern, um gleich darauf einen Kühler zu schmücken bzw. einen Scooter auszubremsen.

In Deutschland wäre das undenkbar – in der Bundesrepublik gilt meist das Motto: Leine los, Hund tot. Ziemlich sichere Sache. Dazu kommt noch Ärger mit dem Geschädigten der Versicherung, ganz abgesehen natürlich auch von der persönlichen Betroffenheit. Das gibt’s hier alles nicht – die Hunde haben oftmals keinen wirklichen Besitzer, aber sie haben gelernt, was sie zu tun und zu lassen haben, kennen ihren Platz und latschen nicht unvorsichtig auf die Straße.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich hier besonders viele Menschen mit Haftung und Versicherung für Hunde auskennen. Faszinierend, wie anpassungsfähig doch so ein Tier sein kann.

Fußgänger – Das schwächste Glied in der Kette

Die Fußgänger könnten theoretisch auch auf den „Bürgersteigen“ laufen, falls tatsächlich einmal welche vorhanden sind, allerdings sind diese dann vollkommen zugeparkt von den Mofas. Zugeparkt bedeutet hier auch wirklich flächendeckend belegt, ohne Rücksicht auf anderweitige Interessen. Alles wird einfach quer gestellt, wo und wie es passt.

Damit befindest Du Dich als Fußgänger nun in der misslichen Lage, ständig vom „Gehweg“ auf die Strasse wechseln zu müssen. Die meisten interessiert bald nicht mehr, ob sie den Gehweg oder die Straße nutzen, und alle laufen da, wo gerade ein wenig Platz ist, denn es geht auch kaum anders. Jetzt befinden sich alle auf der Fahrbahn – das Spiel beginnt!

Dem Wahnsinn einfach ausgeliefert

Anfangs hatte ich wirklich Angst! Du kannst unmöglich den Überblick behalten oder gar die Situation kontrollieren; nein, Du bist dem Wahnsinn einfach ausgeliefert. Also fallen lassen und mitschwimmen, ansonsten musst Du leider im Hotel oder Deinem Appartement bleiben; keine Chance! Wenn Du es aber schaffst und die nötige Gelassenheit (oder Gleichgültigkeit) entwickelst, dann funktioniert es irgendwie; Du darfst eben nur nicht weiter darüber nachdenken.

Und entgegen der Meinung, die insbesondere die Einheimischen vertreten, ist diese ganze Szenerie sehr wohl gefährlich! Ich persönlich habe in zwei mehreren Wochen bereits drei sehr viele Unfälle gesehen, immer mit Moped-Beteiligung – alles andere würde ehrlich gesagt auch an ein Wunder grenzen. Alles fährt und geht durcheinander, und jeder macht was er/sie/es will; da muss es zwangsläufig zu Konflikten, Missverständnissen und daraus resultierenden Unfällen kommen.

Die Hupe ist lebensnotwendig

Die einzige Art der Kommunikation, die die Katastrophe noch etwas hinauszögert, ist die Hupe. DAS Mittel der Wahl, wenn es um gegenseitige Kommunikation im Straßenverkehr geht. Ein kleiner Druck auf den Knopf gibt den Weg frei für ein Füllhorn an Botschaften. Im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Bedeutungen habe ich selbstverständlich noch nicht interpretieren oder übersetzen können, einige haben sich mir allerdings schon erschlossen (so glaube ich zumindest).

Erst einmal alles vergessen

Zuerst musst Du alles vergessen, was Du über Hupen in Deutschland kennst und das zuvor Geschriebene berücksichtigen. Die Hupe ist hier essenziell und nicht nur zu benutzen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, so wie es eigentlich im deutschen Straßenverkehr vorgesehen ist.

Die Semiotik des Hupens – Das kleine Einmaleins:

Einfache Vokabeln (kurzes Tüt | kurzes Tüt-Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Hallo!
  • Danke!
  • Bitte!
  • Tschüß!
  • Taxi!?

Erweiterte Linguistik (kurzes Tüt | langes Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Geh mal beiseite!
  • Vorsicht, ich überhole dich jetzt!
  • Obacht, ich fahre auf der falschen Fahrbahn!
  • Ich habe dich gesehen, siehst du mich auch!?
  • Guck mal, ich fahre jetzt neben dir!
  • Mach Platz, ich bin schneller!
  • Alles OK!

Meisterklasse (sehr langes Tüt | kurzes Tüt + langes Tüt)

  • Achtung, ich bremse nicht!
  • Mach Platz, ich passe noch dazwischen!
  • Habe ich längst gesehen, ich bin doch nicht blind!
  • Reg dich nicht so auf!

Entziffere den Code!

Aufgrund der multifunktionalen Signale ist es natürlich unabdingbar, den empfangenen Code mit dem visuellen Umfeld und den eigenen Emotionen abzugleichen. Gefolgt von einer blitzschnellen Reaktion und der richtigen Entscheidung sicherst Du Dir das Überleben im Straßenverkehr auf Bali.

Wenn Du Dich auf der Straße mit dieser Aufgabe überfordert fühlen solltest, unsicher bist oder einfach keine Lust hat, in irgendeiner Art und Weise zu reagieren, dann signalisierst Du dies dem Hupenden ganz einfach mit Untätigkeit. Peng! Jetzt weiß er Bescheid. Du hast den Ball zurückgespielt; die Kommunikation ist fehlgeschlagen. Nun muss er wieder handeln.

Entscheide weise!

Allerdings solltest Du bedenken: Das Unterlassen irgendeiner Handlung kann ebenfalls bedeuten, dass Du dem Anliegen Deines Gegenübers zustimmst und ihn/sie gewähren lässt. Also wäge sorgsam ab und entscheide weise.

Bis dahin meine Feldstudie, auf die ich hier ausdrücklich, schon aus haftungstechnischen Gründen, keine Garantie geben kann und will! Das betrifft gleichermaßen die Vollständigkeit, als auch die Übersetzung der gelisteten Hupsignale. Abgesehen davon bezweifle ich, dass es überhaupt einen vollständigen, verlässlichen Katalog gibt beziehungsweise dieser von irgendjemandem beherrscht wird, und selbst wenn, müsste dieser „jemand“ ja auch noch gleichzeitig auf ein Gegenüber treffen, der alles fehlerfrei versteht. Ich gebe somit zu Bedenken, welche Fülle von menschlichen, technischen und situativen Einflüssen hier außerdem noch eine Rolle spielt.

Mit der Gasmaske im Paradies der Götter

Das aber nur am Rande, zurück zum eigentlichen Thema bzw. zu meinem toxischen Schock durch die Scooter. Mir wird echt schlecht davon, und ich will wirklich keine Pussy sein! Ich musste etwas tun, soviel stand schnell fest, und da lag nichts näher, als es manchen Balinesen gleichzutun und mir auch so eine Atemmaske zu kaufen. So eine, die auch im Krankenhaus oder von den Menschen in Chinas Großstädten getragen wird.

Einfache Filter helfen nicht wirklich

Wahnsinn, dachte ich noch, da biste jetzt im „Paradies der Götter“ und läufst mit ’ner Gasmaske durch die Gegend – irgendwie pervers. Und das Ergebnis war ernüchternd: Der Filter der Atemmaske funktioniert nicht wirklich. Er lindert das Ganze zwar etwas, aber die beworbene Reduktion auf der Verpackung bezieht sich wohl eher auf Laborbedingungen, wenn alles durch die Membran gefiltert wird und nicht 80 % der Luft und somit auch der Schadstoffe an den Seiten ihren Weg zu deinen Lungen finden. Pech gehabt!

Kannst Du den Moloch überleben?

Ich vermute, der Aufenthalt in Ubud wird mir wohl nicht den schnellen Tod bringen, wahrscheinlich aber meine Gesamtlebenszeit verkürzen – egal, das war mir noch nie so wichtig. Derweil koordiniere ich meine Wege möglichst optimal über die kleineren Straßen und versuche, den Moloch zu vermeiden. Abseits der vielbefahrenen Strecken findet man ohnehin die schöneren Ecken und die netteren Menschen.

Als Bonus erhalte ich durch die meist längeren Wege ein kostenloses Workout, und wenn ich unterwegs Hunger bekommen sollte, ist das Angebot meist authentischer, wohlschmeckender und günstiger. Und dem paradiesischen Eindruck, den man von Indonesien wohl eigentlich erwartet, komme ich so auch gleich viel näher.

Update

Mittlerweile bin ich umgezogen nach Tibubeneng, Badung – ebenfalls noch auf Bali. Ich habe eine schöne Bleibe und es eigentlich ganz gut getroffen. Scooter-technisch, legen die Jungs und Mädels hier allerdings noch mal eine Schippe drauf. Auf der Kreuzung, ein paar hundert Meter von meinem Apartment sieht es den ganzen Tag so aus: