Ein altes Schild, welches auf einen Laundry-Service hinweist

Krücken für die alte Dame vom Waschsalon

Wie ich mich am besten selbst beschenke

Altruismus und Egoismus gehen Hand in Hand

In Indonesien oder auch in anderen Ländern, die touristisch weit erschlossen sind, ist es üblich, dass das Dienstleistungsgewerbe sehr verzweigt und kreativ ist. Jeder nutzt alle sich ihm bietenden Chancen, um irgendwie Umsatz zu generieren. Normal.

Unter anderem gibt es an jeder Ecke eine Laundry, dabei handelt es sich um eine Wäscherei mit Full-Service. Schmutzige Wäsche hinbringen, ein bis zwei Tage warten, dann kannst Du alles wieder gewaschen, gebügelt und schön verpackt abholen. Für relativ kleines Geld, versteht sich. Zumindest aus Perspektive der Touristen.

Eine sehr praktische Angelegenheit, welche das Mitbringen von Waschmittel, wie es früher einmal üblich war, vollkommen überflüssig macht. Das lohnt sich einfach nicht mehr. Außer Du bist ein Super-Sparfuchs und musst außerdem noch zwanghaft Deine Zeit totschlagen.

So ist das auch hier auf Bali: An jeder Ecke gibt es eine Laundry, die die lästige Arbeit gerne, gut und günstig für Dich erledigt. Diesmal habe ich besonders Glück: Mein Dienstleistungsbetrieb ist direkt nebenan. (Airbnb hatte mir diese interessante Information übrigens bereits im Vorfeld geliefert. Toll!)

Folge dem weißen Kaninchen

Also stapfte ich mit meinem ersten Bündel schmutziger Wäsche los, aus dem Haus hinaus, folgte dem kleinen Hinweisschild und öffnete das rostige Tor. Hier muss ich richtig sein; links und rechts hing schon allerhand Wäsche, die von der warmen Luft getrocknet wurde.

Mensch mit Kaninchen-Kostüm vor Hauswand mit Graffiti
Weißes Kaninchen mir roter Jacke

Gesehen hatte ich allerdings noch niemanden. Also immer weiter auf dem schmalen Pfad, der mich entlang zwischen den Hauswänden führte. Plötzlich hörte ich eine Stimme. „Hello! Hello! Here!“ Gesagt getan. Nun stand ich vor einer kleinen, alten, asiatischen Lady. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gab sie mir zu verstehen, dass ich bei ihr genau richtig war.

So lieb und freundlich sie auch war, so schlecht konnte sie sich bewegen. Die Schmerzen waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie konnte kaum noch laufen, und wenn sie es trotzdem tat, bewegte sie sich wie eine Schnecke. Dann bat sie mich um Hilfe, ihre verrostete, kaputte Krücke wieder zusammenzubauen. Alleine schaffte sie es aus Mangel an Kraft nicht mehr.

Ein ehrliches, liebevolles Lächeln

Das Teil war total hinüber, und man musste einige Tricks anwenden, damit sie ihren Zweck wieder einigermaßen erfüllen konnte. Ich tat, worum die Frau mich gebeten hatte. Danach war sie sehr zufrieden und nahm dankbar meine Wäsche in Empfang. Ein ehrliches, liebevolles Lächeln strahlte mich an.

Nachdem die notwendigen Formalitäten erledigt waren, gab sie mir zu verstehen, dass ich meine Klamotten direkt am nächsten Tag wieder abholen könne. Perfekt, auch wenn ich es eigentlich gar nicht so eilig hatte. Nach dem Preis habe ich nicht gefragt, das ist erfahrungsgemäß nicht nötig. Hier gibt es ehrliche Arbeit für ehrliches Geld, keinen Nepp am Straßenrand. Der Service ist eher auf eine langfristige Kundenbeziehung ausgelegt.

Mitgefühl breitet sich aus

Im Laufe des Tages machte sich in mir ein Gefühl breit. Mitgefühl. Die Alte kann kaum laufen und muss trotzdem schwer arbeiten. Kein soziales Netz. Sieben Tage die Woche schmutzige Wäsche waschen für Touristen. Sie hat sich aber nicht beklagt, jedenfalls nicht bei mir. Sie hat gelächelt und war freundlich. Trotzdem: Inception, ein Gedanke wurde eingepflanzt.

„Zufällig“ komme ich nachmittags an einer Apotheke vorbei und sehe im Schaufenster eine Auswahl an Gehhilfen. Echt jetzt!? Nun denn, es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Spontan rein in den Laden und mich mal beraten lassen. Eine Entscheidung ist schnell getroffen, auch wenn das Personal mich etwas erstaunt mustert. Der Preis ist für mich nicht unerschwinglich, wenngleich der Betrag für die Lady sicher eine ganz andere Hausnummer ist.

Zwei Minuten später war ich stolzer Besitzer von zwei nigelnagelneuen Krücken, eingeschweißt in durchsichtiger Zellophanfolie, frisch aus dem Werk. Den restlichen Tag marschierte ich nun mit den Teilen durch Ubud und musste mich ständig selbst daran erinnern, die Dinger nicht irgendwo zu vergessen. Dazu verwirrte Blicke überall.

Gehilfen lehnen an Wand, eingeschweisst in Zellofanfolie, Bali
Frisch aus dem Werk – Gehilfen auf Reise

Am nächsten Morgen habe ich dann mein Präsent übergeben. Eine große Überraschung, Dankbarkeit in ihren Augen, freundliche Gesten und eine kleine Umarmung quittierten meine Tat. Das fühlte sich gut an. Da ich die Aktion nicht unnötig in die Länge ziehen wollte, verabschiedete ich mich relativ zügig. Meine Wäsche war allerdings noch nicht fertig. Morgen heißt nicht unbedingt morgen in Asien, aber wen kümmert das schon.

Plötzlich fragte ich mich ganz automatisch: Hast du dich nicht vielleicht jetzt mehr beschenkt als die kleine alte Dame? Kann sein. Das war zumindest meine vorläufige Antwort, und deswegen schreibe ich diesen Text.

Altruismus oder Egoismus?

Ist die Aktion vielleicht sogar am Ende egoistisch gewesen? Aber: Ist das überhaupt wichtig? Heiligt der Zweck in einem solchen Fall nicht die Mittel? Was soll’s, entschied ich. Ist doch egal, dann habe ich eben zwei Menschen glücklich gemacht.

Ist ja auch eigentlich immer so: „Geben ist seliger denn Nehmen“, das ist keine neue Erkenntnis, wenn Du sie schon im alten Testament nachlesen kannst. Und nein, ich bin nicht gläubig. Das ist für den Erfolg aber natürlich vollkommen irrelevant. Du gibst, und so wird dir gegeben, eine simple Taktik. Was aber nicht bedeutet oder gar zu verwechseln ist mit: Du gibst und kannst erwarten.

Oft bekomme ich nichts zurück. Z.B., wenn ich anonym spende. Oder manchmal gebe ich auch einer Person besonders viel, und wenn ich dann selbst Hilfe benötige: Fehlanzeige!

An diesem Punkt darf man aber nicht aufgeben, das wäre definitiv der falsche Ansatz. Klar, ich bin nicht Jesus und mache mir dann auch meine Gedanken, das kann ich leider nicht verhindern. Ich lasse mich mittlerweile aber nicht mehr (so schnell) beirren oder gar vom (für mich) „rechten“ Weg abbringen.

Eine Flaschenpost geht auf die Reise

Und genau das ist der Punkt! Du kannst die vollständigen Auswirkungen Deines Handelns nicht absehen. Es ist wie eine Flaschenpost. Du schickst eine Tat hinaus in die Welt, ohne zu wissen, wen sie erreicht. Genauso wenig kannst Du abschätzen, wann und was daraus erwächst.

Ich zumindest bilde mir ein, dass ein gütiges, positives Handeln wahrscheinlicher etwas „Gutes“ entstehen lässt, als ein negatives, destruktives Verhalten. Für diese Betrachtung ist übrigens unerheblich, ob es dabei um Menschen, Tiere oder Dinge geht.

In der Psychologie des Buddhismus sind wir alle miteinander verbunden. Das Eine bedingt immer auch das Andere, es gibt faktisch kein „Alleinsein“. Eine sehr faszinierende Thematik. Ähnlich dem Flügelschlag der Libelle, der einen Orkan auslösen kann.

Diese Betrachtungen sind aktueller als je zuvor, wenn wir uns in unserer Welt umschauen. Wir könnten heute besser denn je beobachten und verstehen, wie alles zusammenhängt. Wenn wir doch nur wollten. An Informationen und Erkenntnissen fehlt es kaum noch. Die Einsicht und die Umsetzung sind dagegen die wahren Stolpersteine.

Es sind nicht nur Machthaber und Wirtschaftsunternehmen, die sich weigern Konsequenzen zu ziehen. Stichwort: „America first“. Nein, ich meine ganz gezielt auch jeden einzelnen Menschen. Hier liegt doch unser Handlungsbereich: „Kehre vor deiner eigenen Tür“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Macht des Individuums ist viel größer und weitreichender, als die meisten sich eingestehen wollen.

Ich finde jedenfalls viele Aspekte der buddhistischen Psychologie sehr überzeugend, und man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, sie zusammen mit esoterischem Humbug in eine Schublade zu packen. Das wäre in etwa so, als würdest Du „Handauflegen“ mit Gefäßchirurgie gleichstellen.

Gerade heute würde der eine oder andere buddhistische Ansatz vielen Leuten helfen, ihr übergroßes Ego wieder auf Normalgröße zu schrumpfen. Und das Beste daran, sie würden es wohlmöglich noch als positiv und angenehm empfinden. Ohne Verzicht, dafür mit ehrlichem Gewinn und Mehrwert für sie ganz persönlich.

Diesbezüglich habe ich den Glauben in die Zukunft noch nicht (ganz) verloren, auch wenn es manchmal schwer fällt. Früher gab es bei den Pfadfindern ja auch noch den Leitsatz: „Jeden Tag eine gute Tat“. Also lässt sich durchaus ein ähnliches Gedankengut auch in der westlichen Welt finden. Ganz ohne einen buddhistischen Unterbau.

Die Basis ist verloren gegangen

Viele Leute kennen das bedingungslose Geben allerdings nicht. Ihnen fehlt die Basis. Sie sind einfach nicht so erzogen worden. Die Gesellschaft und vor allem die Medien bombardieren uns ständig mit anderen Idealen. Mitgefühl wäre demnach vollkommen kontraproduktiv in unserer Leistungsgesellschaft, die auf unendliches Wachstum ausgelegt ist.

Ich, Vorteil, Ich, Erfolg, Ich, Geld, Ich, Konsum. Und wenn es dann trotzdem nicht klappt mit dem Glücklichsein? Bloß nicht vom Weg abkommen. Die einfache Lösung ist doch offensichtlich: Mehr Egoismus, mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Konsum, das wird schon!

Alles nur Fake News

Pustekuchen. Das ist Fake. Wir müssen so denken und funktionieren, sonst würde unser gesamtes Wirtschaftssystem in der westlichen Welt zusammenbrechen. Zudem ist es unerwünscht, dass der Kapitalismus hinterfragt wird. Wenn Du nicht glücklich bist, liegt es nicht am System, sondern an Dir, und nur an Dir.

Back to the Lady: Heute war ich wieder in meiner Laundry, um „neue“ Wäsche abzugeben. Keine Krücken in Sicht. Die Dame versicherte mir aber, dass sie diese sehr gut gebrauchen könne. Ein wenig enttäuscht war ich zwar schon, aber egal, siehe oben.

Update:

Mittlerweile kann ich meine Besuche nicht mehr zählen, zumindest habe ich sie nicht nachgehalten. Ich kann allerdings bestätigen, dass meine Krücken (beziehungsweise eine dieser Zwillings-Gehilfen) aktiv im Einsatz sind. Also doch ein Erfolg. Mir reicht das. Mit oder ohne befriedigtem Ego.

 

Ein Taxifahrer hält sich an seinem Scooter fest und hat ein Taxischild im Mund

Taxi, Massage, Latte Macchiato?!

Im Visier der Pusher & Promoter

Brodelnder Vulkan und todbringende Lava

Ja, ich hatte mir das hier alles etwas anders vorgestellt. Und nein, ich hatte es mir nicht romantisch und einsam vorgestellt, allerdings schon ein wenig beschaulicher. Etwas weniger überlaufen, wenngleich mir jetzt schon mehrfach berichtet wurde, dass doch eigentlich wenig los sei. Der Vulkan Agung sei schuld, der nun schon öfter ordentliche Rauchwolken produziert hat, aber sich nicht anschickt, auszubrechen.

Alle warten nun gespannt darauf, wann Agung wohl sein Umfeld mit einer Eruption beglücken wird, und viele Touristen kommen deswegen nicht mehr. Sie Angst haben. Die haben ja immer Angst, die blöden Touristen; die Branche ist sehr fragil. Beim Urlaub wollen viele lieber kein Risiko eingehen, da kennen die keinen Spaß. Wie langweilig.

Der sanftmütige, balinesische Pusher

Jedem, der sich schon einmal an einem ähnlichen Ort wie Bali aufgehalten hat, ist natürlich klar, dass die meisten Einheimischen vom Tourismus leben und entsprechend geschäftstüchtig sind. Das ist in den Ländern, die ich kenne, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Mit der Zeit lernt man aber mehr oder weniger unfreiwillig die gesamte Bandbreite der Straßenverkäufer und Händler kennen.

Da ist dann alles vertreten, was man sich vorstellen kann. Hartnäckige und aggressive Typen, die sich Dir in den Weg stellen oder Dich sogar anfassen. Das mittelschwere Kaliber, die zwar ungeheuer nerven, aber Dich ansonsten in Ruhe lassen. Und zum Schluss noch die eher zaghaften Typen, die es meist bei einer bis zwei Ansprachen belassen, harmlos sind und schnell verstummen.

Zur letzten Kategorie gehören auch die Jungs und Mädels hier in Ubud. Nicht, dass dies nicht auch nerven würde, allerdings resultiert der Stress eher aus der Quantität als aus der Aggressivität.

Wenn man also versucht, sich möglichst unauffällig von A nach B zu bewegen (was völlig unmöglich ist), wird man gefühlt mindestens alle ein bis drei Meter mit immer den gleichen vorhersehbaren Fragen bombardiert. Klar, ich verstehe das; was sollen die Armen denn auch machen? Es gibt einfach zu wenig Arbeit für zu viele Menschen.

Quereinsteiger ohne Ausbildung

„Taxi!?“ oder „Taxi Sir!?“ ist meine persönliche Hass-Phrase Nr.1, wobei es in Ägypten und besonders in Tunesien noch viel schlimmer war. Trotzdem, die Straßen sind gepflastert mit „Taxifahrern“ bzw. Taxi-Angeboten, denn ich gehe davon aus, dass die meisten dieser Dienstleister keine Lizenz oder gar Ausbildung besitzen (was zugegebenermaßen eine reine Unterstellung meinerseits ist).

Der Transportservice beschränkt sich in Ubud aber nicht nur auf Autos, sondern primär, auf die Unmengen von Scootern, die hier ihr Unwesen treiben. Mit den lauten, stinkenden Dingern wird wirklich alles und jeder transportiert – für europäische Verhältnisse ist das fast unvorstellbar.

Abartige Variante: „Taxi Boss!?“ Als sich diese Worte zum ersten mal, den Weg durch mein Gehirn in mein Bewusstsein bahnten, wusste ich nicht so recht, ob ich mich jetzt schämen oder es nur als unterwürfige Taktik ohne Bedeutung abtun sollte.

Ist eine solche Phrase ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit, Hoffnungslosigkeit oder doch nur Kalkül; das sind alles mögliche Erklärungen. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, aber es fühlte sich für mich einfach nicht gut an. Vielleicht war das ja das Ziel. Mitleid. Vielleicht soll ja nur ein möglichst schlechtes Gewissen erzwungen werden, ähnlich einem Bettler, der im Grunde genommen ein Business betreibt und seine Situation professionalisiert.

„Taxi Massa!?“ hätte bei mir die gleichen Emotionen ausgelöst, wie soll ich das denn bitte be- und verwerten? Keine Ahnung!

Ein Traumjob

Im Grunde tun mir die Leute aber Leid, und darum geht es hier, in diesem Text. Die Wenigsten haben sich das bestimmt als Job erträumt. Nach dem Motto: „Wenn ich groß bin, möchte ich gerne mal den ganzen Tag mit einem eingeschweißten Schild (fetter Taxi-Schriftzug) in der Hand auf der Straße sitzen und Touristen blöd von der Seite anquatschen. Das wäre großartig! Ich kann unbegrenzt Abgase und Feinstaub konsumieren, bin tödlich gelangweilt und kann zu dem noch frustriert von morgens bis abends auf mein Smartphone glotzen. Das Beste allerdings ist die soziale Anerkennung – und dass ich am Ende des Monats kein Geld habe! Oh ja, das wäre mein Traum!“ Ironie Ende.

Fast genau so häufig wie „Taxi?!“ hört man hier „Massaaasch?!“, womit Dir die freundlichen Damen eine ihrer vielen, unterschiedlichen Massagen zuteil werden lassen wollen. (Natürlich ohne „happy ending“!)
Das Berufsbild unterscheidet sich im Bereich der Akquise nur marginal von dem ihrer männlichen Kollegen. Auch hier unterstelle ich (selbstverständlich ohne fundamentale Prüfung), dass die Ausbildung keinem deutschen Standard entspricht. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Du hier zwangsläufig schlecht „behandelt“ wirst. Auch ich habe bereits sehr positive Erfahrungen machen dürfen. Glück ist dabei das ausschlaggebende Element. Erfahrung, Know-how und die aktuelle Stimmung der Servicekraft bestimmen das Ergebnis. Du musst Dich einfach durchprobieren lassen.

Die Geschlechtertrennung ist ziemlich restriktiv: Männer sind für die Taxis zuständig, Mädchen und Frauen für die Massage. Meist sitzen die zum Salon gehörenden, einheitlich gekleideten Damen vor ihren Studios, starren ebenfalls mehr oder weniger den ganzen Tag auf ihr Smartphone oder unterhalten sich gerne sehr angeregt – und dann, wenn die Beute in Sichtweite ist, wird der Schlachtruf ausgestoßen: „Massaaasch?!“

„Lateee?!“ ist für die Hipster

Bis dato vollkommen unbekannt war mir allerdings „Lateee?!“, womit Dir das bei Muttis und Hipstern so beliebte Heißgetränk Latte Macchiato offeriert werden soll. Ich gebe zu, im ersten Moment war ich ein wenig beleidigt, weil ich doch zu keiner dieser Gruppen eine rechte Zugehörigkeit empfinde. Wie kommen die nur da darauf, mich mit „Lateee?!“ anzuquatschen?!

Daraufhin habe ich kurz resümiert und festgestellt: Das liegt wohl an den Yogis, die hier überall rumlaufen! Ubud ist ein Yogi-Mekka, habe ich gelernt. Und dann fiel mir auch wieder ein, dass mich mein erster Taxifahrer, der mich am Flughafen aufgegabelt hat, fragte, ob ich zum Yoga nach Bali gekommen bin.

Damit wäre das geklärt: Ich bin wohl immer noch ein Yoga-Typ, obwohl ich das nun bereits mehrere Jahre nicht mehr aktiv betreibe. Okay, damit kann ich leben.

Kein schöner Tag

Aber, so sehr mir diese gebetsmühlenartigen Akquisitionsversuche auch noch den letzten Nerv rauben, so Leid tun mir die „Taxifahrer“ und „Masseurinnen“. Du musst Dir einfach mal bewusst machen, also eine Minute wirklich nachfühlen, wie ein (jeder) Tag dieser Menschen aussieht!

Frustration und Perspektivlosigkeit vernebeln Dein Gehirn. Der Tourist, das goldene Kalb, muss gefunden und geschlachtet werden. Es gibt keine Alternative, keinen besseren Job, keine Optionen, die Du wählen könntest. Stumpfsinniges Handeln ist Dein Weggefährte. Zuhause sitzt vielleicht Deine Familie und hat Hunger, definitiv muss aber Deine Miete bezahlt werden. Die Konkurrenz ist riesig, es ist ein Käufermarkt. Du hast hier nichts zu melden. Immer und immer wieder holst Du Dir Deine „Neins“ ab, vielleicht 100, vielleicht 1000mal am Tag, das schreddert auch das letzte bisschen Selbstbewusstsein, ganz sicher.

Nein, ich würde nicht tauschen wollen

Zusätzlich ist die Perspektive der Einheimischen auf die Touristen verfälscht, was so eine Art Hassliebe entstehen lässt (ja, auch das unterstelle ich nun wieder; man möge mir verzeihen). Wenn man nur das Portemonnaie vergleicht, ist das Ergebnis eindeutig. Ist aber jeder, der/die hier über die Straßen watschelt ein reicher Geldsack mit unendlichen Reserven?

Relativ gesehen wohl eher nicht, aber Hand aufs Herz, die meisten Balinesen könnten sich wohl niemals eine Reise ins Ausland oder geschweige denn einen Urlaub in einem fernen Land leisten. Stattdessen sitzen sie vor den Hauseingängen, bieten ihre Dienste feil und hoffen auf einen Glückstreffer, für den sich der Tag gelohnt hat.

Gibt es denn Alternativen? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht wirklich. Mangelt es „nur“ an Arbeitsplätzen, oder verbaut den meisten Menschen hier schon ihre Schulbildung jeglichen Ausweg aus dieser misslichen Lage?

Schlimmer geht immer

Ich habe hier auch schon andere Arbeitsplätze und Bedingungen gesehen. Frauen auf dem Bau sind in Asien alltäglich. Und nicht, dass Du jetzt denkst, die sind für die Erfrischungen zuständig! Harte, körperliche Arbeit ist angesagt. Zementsäcke, Bauschutt und Materialien schleppen, das sind ihre Aufgaben. Hier gibt es keine geschlechtsspezifische Bevorzugung, im Gegenteil.

Obwohl mir dieses Bild mittlerweile nicht mehr fremd ist, finde ich es immer wieder faszinierend, zu welchen Höchstleistungen diese Damen fähig sind. Erstaunlich dabei: Es handelt sich nicht etwa um die jungen, vermeidlich stärkeren „Modelle“. Nein, gerade die älteren Semester bestreiten hier ihr Auskommen mit einer Leistungsfähigkeit und Zähheit, die jeden deutschen Bauarbeiter vor Neid erblassen lassen würde. Von den deutschen oder anderen europäischen Frauen mal ganz abgesehen.

Nicht, dass ich dies befürworten würde oder erstrebenswert fände, aber hey; es ist der Wahnsinn, was das „schwache“ Geschlecht hier täglich ackert! Ich unterstelle jetzt mal, dass es den älteren Damen nicht an Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Freizeit mangelt oder die pure Langeweile sie auf den Bau treibt. Hunger, Fixkosten und vor allem ein fehlendes soziales Netz wird sie wohl vornehmlich motivieren, ihre Zeit in Dreck und Schutt zu verbringen. Da existiert wahrscheinlich kein Amt, welches regelmäßig Geld überweist, mit dem sie ihre Kosten decken können.

Der Service-Sektor – hoffnungslos überbelegt

Im Allgemeinen ist hier auf Bali aber der gesamte Service-Sektor hoffnungslos überbelegt. Neben den bereits angesprochenen Berufsgruppen fallen einem noch besonders die Restaurants und Ladenlokale auf. Überall knubbeln sich die Angestellten. Vor kurzem habe ich, zusammen mit meinem lieben Vermieter (natürlich auf dem Roller), eine Mall in Denpasar (Balis Hauptstadt) besucht, um mir ein paar neue Shorts zu kaufen, weil ich so sehr abgenommen habe, dass mir meine alten Hosen vom Arsch fallen. (Das ist aber ein anderes Thema)

Vielleicht lag es am Wochentag, aber kennt Ihr noch die „gute alte“ Zeit, wo sich an der Tankstelle fünf Leute gleichzeitig um das Wohlergehen Deines Autos kümmerten? Einer tankt, einer prüft den Reifendruck, einer macht die Scheiben sauber, einer kontrolliert Kühlwasser, einer Öl, und zum Bezahlen musst Du noch nicht einmal aussteigen. Genau dieses Bild hatte ich plötzlich vor Augen, als ich die Textilabteilung des Einkaufscenters betreten habe. Das Verhältnis von Angestellten zu Kunden ist, sagen wir mal, sehr ungewohnt und proportional nicht angemessen.

Ein Vergleich zur Heimat: In einem deutschen Kaufhaus findest Du, wenn Du „Glück“ hast, keinen einzigen Verkäufer/in mehr auf der gesamten Etage – auch dann nicht, wenn Du Dich intensiv bemühst und aktiv nach ihnen suchst.

Aus dieser Beobachtung schlussfolgere ich jetzt mal kühn: Personal „kost nix“. Was mich dann wiederum wohl folgerichtig zu dem Ergebnis führt, dass dies auch keine wirkliche Alternative oder gar so etwas wie eine Karrierechance für die zahllosen Taxifahrer und Masseurinnen ist.

Die Möglichkeiten sind begrenzt

Zusammenfassend kann mal wohl sagen, die Möglichkeiten sind begrenzt, und die meisten sind froh, überhaupt einen bezahlten Job zu haben, egal wie Scheiße, schlecht bezahlt und stumpfsinnig er auch sein mag.

Wenn ich jetzt noch die Kundenfrequenz und das Kaufvolumen in die Gleichung integriere, komme ich ehrlich gesagt zu keinem vernünftigen Ergebnis. Das wirtschaftliche Konzept ist mir schleierhaft. Deutsche Aushilfsjobs, auf 450 €- oder wie auch immer gearteter Basis, wäre hier eher ein gehobenes Einkommen.

Nein, ich würde wirklich nicht tauschen wollen, weder mit den Taxifahrern, noch den Masseurinnen oder den tapferen Soldaten im Service-Bereich. Allesamt sind wahre Knochenjobs, so oder so. Viel Arbeit oder Zeit und wenig Geld, so viel ist sicher, auch ohne empirische Studie.

Freundlich und respektvoll bleiben

Habe ich Mitleid? Ja, ich gebe es zu, aus meiner Perspektive sicher. Allerdings gibt es Schlimmeres, es gibt ja immer Schlimmeres. Trotzdem, ich bemühe mich nun redlich, auf alle „Taxi!?“ und „Massaaasch?! – Rufe so respektvoll und freundlich wie irgend möglich, zu reagieren. Das gelingt mir leider nicht immer, manchmal ist das Maß einfach voll und das Glas läuft über. Nach gefühlten 1000 Ansprachen pro Tag verliere ich die Geduld, und der buddhistische Gleichmut geht flöten. Nein, nein, nein, ich will nicht! Seht ihr das denn nicht?!

Nein, tun sie nicht, oder vielleicht doch, aber sie müssen es ja zumindest versuchen. Egal, wie hoffnungslos die Aussicht auf Erfolg auch sein mag. Das Gesetz der großen Zahl, eine alte Verkäuferregel, das ist ihr Job, ob mir das nun passt oder nicht. Ich werde es nicht ändern.

Vor ein paar Tagen, hat mich nachts ein Verkäufer angesprochen. Er stand alleine und triefend nass auf der Straße. Ich sollte eines dieser billigen Regencapes (dünne, flatterige Plastiktüten) bei ihm kaufen. Das ist hier in den Tropen, wo es ständig regnet, ebenfalls ein gängiges Geschäftsmodell. Immer, wenn die Schleusen des Himmels sich öffnen, tauchen die Jungs (oder auch Frauen oder Kinder) plötzlich auf. Sie hoffen auf Touristen, die ungeschützt durch die Gegend eiern.

Nun kommt das Bemerkenswerte: Ich trug bereits mein eigenes Cape und war bestens vor dem bösen Regen geschützt. Außerdem handelt es sich dabei nicht um so eine dünne Plastiktüte, wie er sie mir gerade entgegen reichte. Die Situation war offensichtlich: Es bestand absolut kein Bedarf. Das war sofort und ohne jeden Zweifel auch für den Cape-Verkäufer zu erkennen.

Verdutzt blieb ich stehen und schaute ihn sprachlos an. Er schaute mich ebenfalls an und zog sogleich sein Angebot zurück. Dann sagte er nur: „OK, thank you“. Ich setzte meinen Heimweg fort und musste weinen: Tränen im Regen.

Aber ich werde mich bemühen. Ich werde „‚Fünfe gerade sein lassen“, einatmen, ausatmen und versuchen, alle negativen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen.

Wer weiß, vielleicht gelingt es mir ja wenigstens ein bisschen, und vielleicht kann ich mein Karma so wieder befrieden.