Krücken für die alte Dame vom Waschsalon

Wie ich mich am besten selbst beschenke

Altruismus und Egoismus gehen Hand in Hand

In Indonesien oder auch in anderen Ländern, die touristisch weit erschlossen sind, ist es üblich, dass das Dienstleistungsgewerbe sehr verzweigt und kreativ ist. Jeder nutzt alle sich ihm bietenden Chancen, um irgendwie Umsatz zu generieren. Normal.

Unter anderem gibt es an jeder Ecke eine Laundry, dabei handelt es sich um eine Wäscherei mit Full-Service. Schmutzige Wäsche hinbringen, ein bis zwei Tage warten, dann kannst Du alles wieder gewaschen, gebügelt und schön verpackt abholen. Für relativ kleines Geld, versteht sich. Zumindest aus Perspektive der Touristen.

Eine sehr praktische Angelegenheit, welche das Mitbringen von Waschmittel, wie es früher einmal üblich war, vollkommen überflüssig macht. Das lohnt sich einfach nicht mehr. Außer Du bist ein Super-Sparfuchs und musst außerdem noch zwanghaft Deine Zeit totschlagen.

So ist das auch hier auf Bali: An jeder Ecke gibt es eine Laundry, die die lästige Arbeit gerne, gut und günstig für Dich erledigt. Diesmal habe ich besonders Glück: Mein Dienstleistungsbetrieb ist direkt nebenan. (Airbnb hatte mir diese interessante Information übrigens bereits im Vorfeld geliefert. Toll!)

Folge dem weißen Kaninchen

Also stapfte ich mit meinem ersten Bündel schmutziger Wäsche los, aus dem Haus hinaus, folgte dem kleinen Hinweisschild und öffnete das rostige Tor. Hier muss ich richtig sein; links und rechts hing schon allerhand Wäsche, die von der warmen Luft getrocknet wurde.

Mensch mit Kaninchen-Kostüm vor Hauswand mit Graffiti
Weißes Kaninchen mir roter Jacke

Gesehen hatte ich allerdings noch niemanden. Also immer weiter auf dem schmalen Pfad, der mich entlang zwischen den Hauswänden führte. Plötzlich hörte ich eine Stimme. „Hello! Hello! Here!“ Gesagt getan. Nun stand ich vor einer kleinen, alten, asiatischen Lady. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gab sie mir zu verstehen, dass ich bei ihr genau richtig war.

So lieb und freundlich sie auch war, so schlecht konnte sie sich bewegen. Die Schmerzen waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie konnte kaum noch laufen, und wenn sie es trotzdem tat, bewegte sie sich wie eine Schnecke. Dann bat sie mich um Hilfe, ihre verrostete, kaputte Krücke wieder zusammenzubauen. Alleine schaffte sie es aus Mangel an Kraft nicht mehr.

Ein ehrliches, liebevolles Lächeln

Das Teil war total hinüber, und man musste einige Tricks anwenden, damit sie ihren Zweck wieder einigermaßen erfüllen konnte. Ich tat, worum die Frau mich gebeten hatte. Danach war sie sehr zufrieden und nahm dankbar meine Wäsche in Empfang. Ein ehrliches, liebevolles Lächeln strahlte mich an.

Nachdem die notwendigen Formalitäten erledigt waren, gab sie mir zu verstehen, dass ich meine Klamotten direkt am nächsten Tag wieder abholen könne. Perfekt, auch wenn ich es eigentlich gar nicht so eilig hatte. Nach dem Preis habe ich nicht gefragt, das ist erfahrungsgemäß nicht nötig. Hier gibt es ehrliche Arbeit für ehrliches Geld, keinen Nepp am Straßenrand. Der Service ist eher auf eine langfristige Kundenbeziehung ausgelegt.

Mitgefühl breitet sich aus

Im Laufe des Tages machte sich in mir ein Gefühl breit. Mitgefühl. Die Alte kann kaum laufen und muss trotzdem schwer arbeiten. Kein soziales Netz. Sieben Tage die Woche schmutzige Wäsche waschen für Touristen. Sie hat sich aber nicht beklagt, jedenfalls nicht bei mir. Sie hat gelächelt und war freundlich. Trotzdem: Inception, ein Gedanke wurde eingepflanzt.

„Zufällig“ komme ich nachmittags an einer Apotheke vorbei und sehe im Schaufenster eine Auswahl an Gehhilfen. Echt jetzt!? Nun denn, es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Spontan rein in den Laden und mich mal beraten lassen. Eine Entscheidung ist schnell getroffen, auch wenn das Personal mich etwas erstaunt mustert. Der Preis ist für mich nicht unerschwinglich, wenngleich der Betrag für die Lady sicher eine ganz andere Hausnummer ist.

Zwei Minuten später war ich stolzer Besitzer von zwei nigelnagelneuen Krücken, eingeschweißt in durchsichtiger Zellophanfolie, frisch aus dem Werk. Den restlichen Tag marschierte ich nun mit den Teilen durch Ubud und musste mich ständig selbst daran erinnern, die Dinger nicht irgendwo zu vergessen. Dazu verwirrte Blicke überall.

Gehilfen lehnen an Wand, eingeschweisst in Zellofanfolie, Bali
Frisch aus dem Werk – Gehilfen auf Reise

Am nächsten Morgen habe ich dann mein Präsent übergeben. Eine große Überraschung, Dankbarkeit in ihren Augen, freundliche Gesten und eine kleine Umarmung quittierten meine Tat. Das fühlte sich gut an. Da ich die Aktion nicht unnötig in die Länge ziehen wollte, verabschiedete ich mich relativ zügig. Meine Wäsche war allerdings noch nicht fertig. Morgen heißt nicht unbedingt morgen in Asien, aber wen kümmert das schon.

Plötzlich fragte ich mich ganz automatisch: Hast du dich nicht vielleicht jetzt mehr beschenkt als die kleine alte Dame? Kann sein. Das war zumindest meine vorläufige Antwort, und deswegen schreibe ich diesen Text.

Altruismus oder Egoismus?

Ist die Aktion vielleicht sogar am Ende egoistisch gewesen? Aber: Ist das überhaupt wichtig? Heiligt der Zweck in einem solchen Fall nicht die Mittel? Was soll’s, entschied ich. Ist doch egal, dann habe ich eben zwei Menschen glücklich gemacht.

Ist ja auch eigentlich immer so: „Geben ist seliger denn Nehmen“, das ist keine neue Erkenntnis, wenn Du sie schon im alten Testament nachlesen kannst. Und nein, ich bin nicht gläubig. Das ist für den Erfolg aber natürlich vollkommen irrelevant. Du gibst, und so wird dir gegeben, eine simple Taktik. Was aber nicht bedeutet oder gar zu verwechseln ist mit: Du gibst und kannst erwarten.

Oft bekomme ich nichts zurück. Z.B., wenn ich anonym spende. Oder manchmal gebe ich auch einer Person besonders viel, und wenn ich dann selbst Hilfe benötige: Fehlanzeige!

An diesem Punkt darf man aber nicht aufgeben, das wäre definitiv der falsche Ansatz. Klar, ich bin nicht Jesus und mache mir dann auch meine Gedanken, das kann ich leider nicht verhindern. Ich lasse mich mittlerweile aber nicht mehr (so schnell) beirren oder gar vom (für mich) „rechten“ Weg abbringen.

Eine Flaschenpost geht auf die Reise

Und genau das ist der Punkt! Du kannst die vollständigen Auswirkungen Deines Handelns nicht absehen. Es ist wie eine Flaschenpost. Du schickst eine Tat hinaus in die Welt, ohne zu wissen, wen sie erreicht. Genauso wenig kannst Du abschätzen, wann und was daraus erwächst.

Ich zumindest bilde mir ein, dass ein gütiges, positives Handeln wahrscheinlicher etwas „Gutes“ entstehen lässt, als ein negatives, destruktives Verhalten. Für diese Betrachtung ist übrigens unerheblich, ob es dabei um Menschen, Tiere oder Dinge geht.

In der Psychologie des Buddhismus sind wir alle miteinander verbunden. Das Eine bedingt immer auch das Andere, es gibt faktisch kein „Alleinsein“. Eine sehr faszinierende Thematik. Ähnlich dem Flügelschlag der Libelle, der einen Orkan auslösen kann.

Diese Betrachtungen sind aktueller als je zuvor, wenn wir uns in unserer Welt umschauen. Wir könnten heute besser denn je beobachten und verstehen, wie alles zusammenhängt. Wenn wir doch nur wollten. An Informationen und Erkenntnissen fehlt es kaum noch. Die Einsicht und die Umsetzung sind dagegen die wahren Stolpersteine.

Es sind nicht nur Machthaber und Wirtschaftsunternehmen, die sich weigern Konsequenzen zu ziehen. Stichwort: „America first“. Nein, ich meine ganz gezielt auch jeden einzelnen Menschen. Hier liegt doch unser Handlungsbereich: „Kehre vor deiner eigenen Tür“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Macht des Individuums ist viel größer und weitreichender, als die meisten sich eingestehen wollen.

Ich finde jedenfalls viele Aspekte der buddhistischen Psychologie sehr überzeugend, und man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, sie zusammen mit esoterischem Humbug in eine Schublade zu packen. Das wäre in etwa so, als würdest Du „Handauflegen“ mit Gefäßchirurgie gleichstellen.

Gerade heute würde der eine oder andere buddhistische Ansatz vielen Leuten helfen, ihr übergroßes Ego wieder auf Normalgröße zu schrumpfen. Und das Beste daran, sie würden es wohlmöglich noch als positiv und angenehm empfinden. Ohne Verzicht, dafür mit ehrlichem Gewinn und Mehrwert für sie ganz persönlich.

Diesbezüglich habe ich den Glauben in die Zukunft noch nicht (ganz) verloren, auch wenn es manchmal schwer fällt. Früher gab es bei den Pfadfindern ja auch noch den Leitsatz: „Jeden Tag eine gute Tat“. Also lässt sich durchaus ein ähnliches Gedankengut auch in der westlichen Welt finden. Ganz ohne einen buddhistischen Unterbau.

Die Basis ist verloren gegangen

Viele Leute kennen das bedingungslose Geben allerdings nicht. Ihnen fehlt die Basis. Sie sind einfach nicht so erzogen worden. Die Gesellschaft und vor allem die Medien bombardieren uns ständig mit anderen Idealen. Mitgefühl wäre demnach vollkommen kontraproduktiv in unserer Leistungsgesellschaft, die auf unendliches Wachstum ausgelegt ist.

Ich, Vorteil, Ich, Erfolg, Ich, Geld, Ich, Konsum. Und wenn es dann trotzdem nicht klappt mit dem Glücklichsein? Bloß nicht vom Weg abkommen. Die einfache Lösung ist doch offensichtlich: Mehr Egoismus, mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Konsum, das wird schon!

Alles nur Fake News

Pustekuchen. Das ist Fake. Wir müssen so denken und funktionieren, sonst würde unser gesamtes Wirtschaftssystem in der westlichen Welt zusammenbrechen. Zudem ist es unerwünscht, dass der Kapitalismus hinterfragt wird. Wenn Du nicht glücklich bist, liegt es nicht am System, sondern an Dir, und nur an Dir.

Back to the Lady: Heute war ich wieder in meiner Laundry, um „neue“ Wäsche abzugeben. Keine Krücken in Sicht. Die Dame versicherte mir aber, dass sie diese sehr gut gebrauchen könne. Ein wenig enttäuscht war ich zwar schon, aber egal, siehe oben.

Update:

Mittlerweile kann ich meine Besuche nicht mehr zählen, zumindest habe ich sie nicht nachgehalten. Ich kann allerdings bestätigen, dass meine Krücken (beziehungsweise eine dieser Zwillings-Gehilfen) aktiv im Einsatz sind. Also doch ein Erfolg. Mir reicht das. Mit oder ohne befriedigtem Ego.

 

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