Die Chimäre auf dem Reisfeld

Das gruselige Mysterium

Dem balinesischen Horror auf der Spur

In meiner ersten Unterkunft auf Bali – oder besser gesagt, im Umfeld meiner ersten Unterkunft – gab es allerhand Viecher und Getier. Einerseits kommen die lieben Tiere Dich in Deiner Bude besuchen, andererseits hörst Du manchmal auch nur die Laute, die sie von sich geben. Ich vermute, meistens handelt es sich dabei um irgendwelche Paarungsrufe oder Kampfansagen. Die simple Ursache ist eigentlich immer gleich: Es geht um den Erhalt der Art.

Viele dieser Sounds sind mir als deutscher Stadtmensch natürlich vollkommen unbekannt. Entsprechend hoch ist anfangs der Aufmerksamkeits-Level. Mit der Zeit gewöhnst Du Dich natürlich an die neue Geräuschkulisse. Nach und nach kannst Du dann auch bestimmte Rufe den entsprechenden Tieren zuordnen.

Allerdings gibt es ja auch noch die scheuen Genossen, die Du nicht so einfach zu Gesicht bekommst, aber trotzdem hörst. Zum Beispiel die Zikaden1 . Die kleinen Viecher machen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße ein wirklich unvorstellbares Getöse. Einige ihrer Artgenossen ebenfalls, aber die kann ich leider nicht benenn, weil ich sie ja nie gesehen habe.

Alles zu seiner Zeit

Eines der ersten Dinge, die Du in diesem Zusammenhang lernst, ist das zeitliche Muster. Die meisten Tiere haben so ihre natürlichen Stoßzeiten. Keine Ahnung, warum sie sich am Tag so aufteilen, aber dafür gibt es bestimmt eine biologische Erklärung. Und, das war allerdings keine große Überraschung: Der Ruf des Hahns (Plural) ertönt mit Sonnenaufgang, also hier aktuell zwischen fünf und halb sechs. Darauf ist Verlass. Der Bursche (Plural) nimmt seinen Job sehr ernst. Da wird keine Ausnahme gemacht, auch nicht am Wochenende.

Wissen und Vermutung

Nach einer gewissen Zeit ergibt sich dann ein Mischmasch aus Wissen und Vermutung. Bei der ganzen Geschichte hat mich aber ein Ruf ganz besonders fasziniert und gleichermaĂźen verwirrt. Immer wieder bin ich aufgestanden, auf meinen Balkon gewatschelt und habe versucht, einen Zusammenhang herzustellen.

Es klingt wie eine gruselige Kombination aus Mensch und Tier. Jedes Mal, wenn ich mir sicher war, dass es sich um einen (mindestens verrückten) Menschen handelt, habe ich meine Einschätzung alsbald revidiert. Nein, es muss ein Tier sein, so krass und crazy ist kein Mensch, jedenfalls nicht in diesem Intervall, und auch noch den ganzen Tag lang. Und wenn es doch ein Mensch sein sollte, wäre es dann ein Mann oder eine Frau?

Sechs Wochen Ungewissheit

Es hat dann tatsächlich sechs Wochen gedauert, bis ich dem geheimnisvollen Geräusch auf die Schliche gekommen bin. Ich war nämlich nahe genug an der Quelle, um es gut zu hören, aber zu weit entfernt, um den Verursacher zu sehen oder eine Kausalität herzustellen. Eines Tages hatte ich dann aber Glück, und ich wurde nicht enttäuscht. Ich lag mit meiner unqualifizierten Einschätzung goldrichtig. Die Antwort war, zumindest für mich als Touri, echt faszinierend.

Verantwortlich für dieses merkwürdige Geräusch ist eine alte Frau, die auf ihrem Reisfeld die kleinen Vögel verscheucht, die den fast erntereifen Reis wegfuttern. Zu diesem Zweck ahmt sie den Ruf von Krähen (oder etwas in der Art) nach, die für die Reisdiebe eine natürliche Gefahr darstellen. Zusätzlich unterstützt sie diese Aktion, in dem sie ein ausgebufftes System von kleinen Fähnchen in Bewegung versetzt. Diese Fähnchen sind mit einer Schnur und flexiblen Verbindungspunkten über mehrere hundert Meter miteinander verbunden.

Eine menschliche Vogelscheuche

Die Dame ist also so eine Art “menschliche Vogelscheuche”, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihr Reisfeld bewacht und die kleinen gefiederten Nassauer verscheucht. Allerdings kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es jetzt wirklich ihr Reisfeld ist oder nicht. Aber ich wurde, wie immer hier auf Bali, von ihr sehr freundlich empfangen. Nachdem ich ihr zugewunken hatte, schenkte sie mir ein Lächeln und winkte zurück. Sie gab mir mit entsprechenden Handzeichen zu verstehen dass ich herzlich willkommen sei. Die folgende Kommunikation wurde dann auch mit Zeichen, Lächeln und Gesten bewerkstelligt. Eine gemeinsame sprachliche Basis war natürlich nicht vorhanden.

Ihr Zuhause kann man, glaube ich, treffend mit “bescheiden” beschreiben, zumindest für westliche Verhältnisse. Alles befindet sich auf engstem Raum. Eigentlich wollte ich noch mehr Fotos machen, aber irgendwie kam ich mir dabei komisch vor und habe schließlich darauf verzichtet. Ich habe ja zumindest das Video (mit dem sie auch einverstanden war) und ein paar Schnappschüsse. Das muss reichen.

Mensch und Tier auf engstem Raum

Ergänzende Infos in Worten: Mehrere (sehr) kleine Hütten oder Verschläge stehen hier auf engstem Raum. Das Gelände ist uneben; Du musst ständig irgendwelche Höhenunterschiede überwinden. Die einzelnen Regionen sind klar aufgeteilt, aber auch irgendwie miteinander verbunden: Wohnbereich, Schweinestall und eine Kochnische, die direkt an die restliche Konstruktion angrenzen. Ich sehe einen großen Topf, der mit Holz befeuert wird; es qualmt mächtig.

Die Schweine sind in einem separaten Stall untergebracht. Hühner und Enten laufen kreuz und quer durch die Gegend. Den Ausscheidungen der Tiere kann Deine Nase nicht entgehen. Mehrfach bleibe ich irgendwo hängen oder stoße mir den Kopf (ich bin einfach zu groß für diese kleine Welt). Der Boden besteht aus Schlamm und Erde, und ich hätte mich zwei Mal beinahe auf die Nase gelegt. Die alte Dame bewegt sich allerdings erstaunlich sicher auf ihrem Terrain, auch ohne Schuhe.

Das war eine kleine, aber sehr interessante Erfahrung, jedenfalls für mich. Ich hatte so etwas noch nicht gesehen oder wäre überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass es etwas in dieser Art überhaupt gibt: Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag “komische” Geräusche machen und Vögel verscheuchen.


FuĂźnoten:

1. Genauer gesagt, die Singzikaden, die anderen hört der Mensch wohl nicht. Wikipedia
↩

 

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