Ein Stapel mit jungen KokosnĂĽssen - farblich verfremdet

Kanonenkugeln fallen vom Himmel

Kokosnüsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe oder wie man den Bezug zur Realität verliert

Das Thema ist nicht neu, allerdings nach wie vor topaktuell, wie ich feststellen musste. Vor ein paar Tagen schoss mir plötzlich eine dieser Headlines durch den Kopf: „KokosnĂĽsse sind gefährlicher als Hai-Angriffe“.

So oder so ähnlich habe ich sie schon des Öfteren irgendwo gelesen. Du bestimmt auch. Bis dato hatte ich mich allerdings noch nicht weiter mit dieser Thematik beschäftigt, aber nun gab es einen Grund. Ich hatte nämlich einen persönlichen Bezug.

Alles begann mit einem blöden Affen

Ein blöder Affe hätte mir beinahe mit so einem Teil den Schädel gespalten! Eine tödliche Gefahr, mit der ich niemals gerechnet hätte. Das spielte für die Gefahr und den Affen allerdings keine Rolle. Ich stand lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Besagter Primat hatte die Frucht irgendwo erbeutet und schickte sich nun an, die harte Schale zu knacken, um an das nahrhafte Fruchtfleisch zu gelangen. Er wusste genau, wie er dies zu bewerkstelligen hatte. Stumpfe Gewalteinwirkung auf kleiner Fläche, das hatte er gelernt, wie und wo auch immer. Also flugs auf einen Baum geklettert und die harte Nuss aus großer Höhe gen Boden geschleudert. Ob ich oder sonst wer im Weg stand, interessierte den Klettermaxe nicht die Bohne.

Thematische Erläuterung: Die Viecher sind selbstbewusst, dreist und respektlos. Sie haben, zumindest hier in Ubud-Bali, keine natürlichen Feinde. Sie nehmen sich schneller, als Du gucken kannst, alles, was sie wollen oder meinen, irgendwie gebrauchen zu können. Insbesondere bei Nahrung werden keine Gefangenen gemacht. Unter ihresgleichen wird zumindest noch gekämpft; es gibt eine Rangordnung, soziale Regeln – oder es gilt: Der Schnellere gewinnt. Aber Touristen sind die perfekten Opfer.

Ich habe schon beobachtet, wie die Makaken innerhalb von Sekunden einen Touri abrippen. Hierzu greifen sie zielgerichtet und hoch effektiv im Rudel an, ähnlich den Taschendieben auf dem Weihnachtsmarkt. Der ahnungslose Futterbeutel latscht mit der Einkaufstüte durch ihre Hood: Ein schwerer Fehler.

Ein junger Affe (Makake) hängt über einen Ast gelehnt

Das eingespielte Team nutzt unverzüglich die Chance. Pusher und Diebe machen sich bereit: Die Rollen sind klar verteilt, alles geht blitzschnell. Der Touri ist seine Tüte los. Falls er sich nicht sofort von seinem Besitz trennen will, wird die Plastiktüte einfach aufgerissen. Kein Chance für den Traumtänzer. Hier regiert das Gesetz der Natur. So etwas ist der Homo Sapiens nicht mehr gewohnt. Die Affen halten sich nicht an Regeln. Jedenfalls nicht an die, die von den dusseligen Menschen gemacht wurden.

Die Bilanz: Ein verdutzter Tourist, der immer noch nicht begriffen hat, was da gerade mit ihm geschehen ist, und das Überfallkommando, das sich längst um die Beute schlägt. Denn nach dem gelungenen Coup löst sich die Diebesbande sofort auf. Jetzt heißt es wieder: Jeder gegen jeden.

Hart am Leben vorbei geschrammt

Zurück zu meinem (fast) tödlichen Unfall: Bum, krach, peng! Die braune, haarige Riesennuss schlug nur wenige Zentimeter von mir entfernt krachend auf den harten Boden. Ein amtlicher Schrecken durchfuhr meinen Körper. Was war das denn? Eine junge Balinesin in sicherer Entfernung fand das irgendwie lustig und lachte entsprechend.

Langsam checkte ich auch die Sachlage. Das Ding verfehlte meinen Kopf nur um wenige Millimeter. Das hätte auch anders ausgehen können, rekapituliere ich noch verwirrt. Derweil hatte mein genetisch Anverwandter die geöffnete Frucht bereits eingesackt und abtransportiert.

Dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe gesprungen

Ja, und genau in diesem Moment sind mir diese Headlines mit den “Todesopfern durch KokosnĂĽsse” plötzlich ganz real und plausibel vorgekommen. Obwohl es sich bei diesem Ereignis nicht um eine „natĂĽrlich“ gefallene Kokosnuss handelte. Immerhin konnte ich dem Gevatter Tod noch mal von der Schippe springen. Aber die Gedanken an dieses fĂĽr mich auĂźergewöhnliche Ereignis haben mich noch den ganzen Tag begleitet. Verdammter Affe!

Aber ehrlich gesagt: Es war fĂĽr mich jetzt nicht wirklich so ein Drama, wie ich es gerade dargestellt habe. Ich rechne nämlich immer mit dem Tod oder einem schlimmeren Ereignis. Diese Taktik bewahrt mich vor unliebsamen Ăśberraschungen. Es trifft doch immer irgendwen oder irgendwas. Das ist ein vollkommen normaler und natĂĽrlicher Vorgang. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit kennt kein Erbarmen. Irgendwann ist jeder dran. „Ist die Zeitkoordinate nur lang genug, sinkt die Ăśberlebenswahrscheinlichkeit auf 0“.

Theoretisch ist das auch den meisten Menschen bewusst, jedenfalls mehr oder weniger. Sie wollen es nur nicht akzeptieren, oder vielleicht ein bisschen, aber auf keinen Fall für sie persönlich. Ich vermute, deshalb ist dann bei diesen Menschen auch die Betroffenheit so groß, wenn ihnen oder ihrem Umfeld ein Unglück widerfährt.

Der Kern der Geschichte

Wäre es nicht eine phantastische Vorstellung, wenn mir die Gefahr bereits im Vorfeld bewusst gewesen wäre? Damit meine ich natürlich nicht nur diese, sondern jede Gefahr. Also wenn es, so eine Art kollektives Bewusstsein geben würde, das bei mir frühzeitig einen Alarm ausgelöst hätte?

Ist das Utopie oder die Zukunft, ich hab keine Ahnung. Bei den Borg1 funktioniert das aber auch. Und selbst Ratten oder Kakerlaken sind, zumindest in diesem Bereich, genetisch wesentlich besser ausgerĂĽstet als wir Menschen. Wahrscheinlich ebenfalls auch noch einige andere Tierarten und Pflanzen, die ich aber nicht benennen kann.

Die borg-Königin und Data vor einer futoristischen Kulisse

Dem Menschen nutzt aber beim Abwenden einer im unbekannten Gefahr die kollektive Erfahrung rein gar nichts. Das schöne große Gehirn ist dann vollkommen nutzlos. Klar, wir können uns Informieren und lernen, das ist aber im Vergleich zur Tierwelt sehr zeitaufwendig und ineffektiv.

In den folgenden Tagen sind ĂĽbrigens noch einige andere Sachen vom Himmel gefallen, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Die Schalen von abgenagten FrĂĽchten, Pippi, Kacka, Kerne von Steinobst und all der gesammelte MĂĽll, fĂĽr den die Affen dann doch keine Verwendung mehr hatten.

Ab und an kann es auch mal passieren, dass Dich so ein haariges Teil anspringt. Sie wollen Dich nicht angreifen oder beißen, jedenfalls nicht sofort. Die Makaken möchten nur genau prüfen und sich persönlich davon überzeugen, ob Du nicht vielleicht doch irgendwas Essbares vor ihnen verheimlichst.

Hätte ich das alles bereits am ersten Tag gewusst und nicht erst am dritten, wäre ich von Anfang an sicher durch das Territorium der Viecher marschiert. Genau so wie die Balinesin, die lachend meinem (fast) Unfall beiwohnte. Soweit die Theorie, aber stimmt das auch?

Das Paradoxon der persönlichen Risikoanalyse

Warum klafft zwischen der realen Gefahr und der persönlichen Risikoanalyse eine so groĂźe Kluft? Ist das nicht total paradox? Abstrakte Ă„ngste bestimmen unser tägliches Handeln und den Alltag. Das tatsächliche, real existierende Risiko, wird dagegen vollkommen ausgeblendet oder auf wundersame Weise „unsichtbar“.

Überschätzte Gefahr und Angstauslöser:

  • Schweinegrippe, HĂĽhnergrippe, Vogelgrippe
  • Haie, Bären, Schlangen, Spinnen
  • Ausländer, Asylbewerber
  • Wirtschaftskrisen, Inflation, Geldentwertung, steigende Butterpreise
  • Last but not least: Der Terrorismus (eine der schlimmsten Ă„ngste)

Die wahren Killer:

  • Herz- Kreislauferkrankung
  • Bewegungsmangel, Fettleibigkeit
  • Alkoholismus, Tabaksucht, Tablettenabhängigkeit

NatĂĽrlich sind die aufgefĂĽhrten „Angstauslöser“ existent und fordern ihre Opfer, allerdings stehen sie in keinem Verhältnis zu den daraus resultierenden Ă„ngsten. Theoretisch mĂĽssten ja eigentlich „die wahren Killer“, die uns täglich mit Zahlen und Fakten belegt werden und allgegenwärtig sind, sofortige Panik bei allen auslösen. Ungebremster Handlungswille und Aktionismus wäre angesagt. Jeder mĂĽsste unermĂĽdlich versuchen, die EinflĂĽsse, die uns umbringen, abzuwenden.

Eine todbringende Pandemie

Wenn ich jetzt alle Fakten zusammenfasse und mir zum Beispiel das alte Sprichwort “Gefahr erkannt, Gefahr gebannt” ansehe, stelle ich Folgendes fest: Das ist grundsätzlich totaler Joghurt. Es trifft auf den Menschen höchstens selektiv, aber auf keinen Fall grundsätzlich zu.

Eine todbringende Pandemie rafft uns alle schleichend und stetig dahin. Nein, natĂĽrlich nicht Ebola, denn davor haben wir ja alle2 panische Angst. Es ist ein anderer Virus, der, so glaube3 ich, noch nicht benannt oder klassifiziert wurde.

Symptome und Krankheitsverlauf

Erste Symptome: Fakten, Sachverhalte und Erkenntnisse verschwinden im Nebel, der persönliche Horizont wird radikal eingeschränkt. Weiterer Krankheitsverlauf: Vollkommen unlogische Entscheidungen und absolut irrationales Verhalten in selektiv ausgewählten Lebensbereichen. (Komisch, hört sich fast an wie Alzheimer, ist es aber nicht.)

Und ja, natürlich: Ich bin ebenfalls infiziert, wie gruselig! Folglich hätte mir also dieses ganze kollektive Borg-Wissen überhaupt nichts gebracht. Als Mensch in der heutigen Version würde ich die Informationen schlicht und ergreifend nicht verarbeiten oder nutzen. Evolutionär gesehen ist das ein Trauerspiel.

Nebenkriegsschauplätze und Schlupflöcher

Aber warum sind wir nur so, wie wir sind? Warum suchen wir uns lieber ein Schlupfloch, egal was es kostet, als zum Beispiel die Ernährung oder die persönlichen Lebensumstände zu ändern und das Problem zu lösen? Weshalb regen wir uns lieber kollektiv in regelmäßigen Abständen ĂĽber Nebenkriegsschauplätze und Nichtigkeiten auf, als konsequent im eigenen Handlungsbereich zu sein? Wieso ist den meisten, “die Gesundheit sooo wichtig” aber die „lieb gewordenen“ (schlechten) Gewohnheiten werden mit allen Mitteln verteidigt?

Mein persönliches Ursachen-Ranking:

  • Egoismus
  • Faulheit und Bequemlichkeit (Acedia – Eine TodsĂĽnde)
  • Genusssucht (Luxuria – Eine TodsĂĽnde)
  • Wahre Dummheit (Da kann man nix machen)
  • Unwissenheit (Heutzutage? Das geht echt nicht mehr)

Erlösung von dem Übel

Nein, ich habe nicht wirklich eine Lösung, tut mir Leid! Ich bin ja kein Wissenschaftler, und außerdem hatte ich wieder mal keine Lust, eine fundierte Recherche anzustellen. Auch das tut mir Leid, wenigstens ein wenig. Abgesehen davon würde das, glaube ich, auch nichts bringen. Bei dieser Kokosnuss-Geschichte geht es ja lediglich um das eigenartige Zusammenspiel von Realität, Angst und der daraus resultierenden, persönlichen Entscheidung. Genaue Zahlen sind für die Darstellung des Problems vollkommen irrelevant.

Homo sapiens VX.x

Aber wir ĂĽberleben den ganzen Wahnsinn ja irgendwie. Vielleicht muss das ja auch alles so sein, damit wir nicht total durchdrehen, weil unser begrenzter Verstand einfach nur selektiv denken kann. Trotzdem, ich wĂĽnsche mir schon, dass die Menschheit noch mal ’ne Schippe drauflegt. Vielleicht dann im nächsten Major Release. Oder im ĂĽbernächsten.


FuĂźnoten:

1. Wir sind die Borg! Die Existenz, wie sie sie kennen, endet hiermit. Wir werden Ihre biologischen und technologischen Charakteristika den unsrigen hinzufügen. (So oder so ähnlich, ich muss zugeben, ich bin keine Trekkie.)
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2. Mit “alle” sind natürlich wir Menschen in der westlichen Welt gemeint. Ich möchte weder Ebola runterspielen, noch die Menschen in den tatsächlich betroffenen Gebieten diffamieren. Ganz im Gegenteil, ich finde es sehr traurig und beschämend, dass wir (speziell die Pharmakonzerne) nicht mehr Hilfestellung leisten. Meistens liegen die Ursachen für dieses Handeln in rein wirtschaftlichen Interessen.
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3. Die Faktenlage habe ich natürlich nicht recherchiert. Es kann also sein, dass ich (wie immer möglich) total falsch liege. Vielleicht gibt es ja sogar schon ein Heilmittel, wer weiß.
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Kleiner Spielzeugsoldat wird beinahe von groĂźem Schuh zertreten

In den Klauen von Amazon, Nestlé und Danone

Kleine Händler gegen böse Großkonzerne

Prolog

Um besser auf den Punkt zu kommen, schmeiße ich in diesem Text mit sehr vielen Verallgemeinerungen um mich. Natürlich geht es nur um das Aufzeigen von generellen Strömungen und Tendenzen, die niemals alle Menschen individuell abbilden können.

Ich führe das auch nur voran, weil ich finde, dass dies ein sehr sensibles Thema ist, von dem vielleicht einige sehr betroffen sind. Vielleicht gibt es sogar einen thematischen Bezug zu persönlichen Schicksalen. Andererseits heißt das auch nicht, dass sich niemand angesprochen fühlen soll. Also; Es ist, und darum dreht sich hier eigentlich auch alles, Deine Entscheidung.

Der Verbraucher ist vollkommen machtlos

Ich kann es nicht mehr hören!1

Es scheint unser erklärtes Ziel zu sein, uns permanent selbst zu entmündigen. Wir leugnen oder verdrängen ständig offensichtliche Tatsachen. Wir rufen nach neuen Gesetzen, der Mama oder machen sonst wen für alles Mögliche verantwortlich. Im Anschluss fordern wir rebellisch: “Da müsste mal was unternommen werden!”

Was ist nur los mit uns?

Sind wir mittlerweile ein Volk von devoten, handlungsunfähigen, obrigkeitshörigen, kleinen Kindern? Oder wollen wir das vielleicht nur glauben, weil es sich so schön warm, “sicher” und bequem anfühlt in unserer Opferrolle?

Das Märchen über die kleinen Händler und die großen, bösen Konzerne

Das Geschäftsmodell der „bösen Konzerne“ ist doch ganz einfach. Sie versorgen uns mit genau dem Stoff, wonach unsere unersättliche Konsumenten-Seele schreit. Eigentlich ist damit die Analyse auch schon abgeschlossen.

Aber wie konnte es nur so weit kommen?

  • Wir haben die kleinen Händler vernichtet
  • Wir haben sie verhungern und verdursten lassen
  • Wir haben ĂĽber Jahre hinweg alles beobachtet und nichts unternommen
  • Wir fĂĽttern Amazon, Apple, Danone, Nestle und all die vielen anderen, bis sie platzen
  • Wir schmeiĂźen diesen Konzernen freiwillig unser ganzes Geld in den Rachen
  • Wir konsumieren Einwegprodukte und verseuchen unsere Umwelt
  • Wir kaufen Fleisch fĂĽr 49 Cent und Döner fĂĽr 1,50 Euro
  • Wir kaufen H&M und Primark leer – Hauptsache billig
  • Wir kaufen und konsumieren grenzenlos, ohne zu hinterfragen
  • Wir geben unser Gehirn inklusive Gewissen an der Supermarktkasse ab
  • (ich kĂĽrze das hier ab)

Das „schlechte“ Gewissen

Und wenn dann plötzlich doch einmal, meist aus aktuellem Anlass, das Gewissen hinter irgendeiner Ecke hervorspringt und uns erschreckt, was tun wir dann? Ganz einfach: Wir liken oder haten irgendetwas auf Facebook, und die Sache ist erledigt.

Danach geht alles seinen gewohnten Gang. Ich vermute, so manche große Marketingabteilung feiert regelmäßig Partys. Denn eins ist sicher: Der Verbraucher ist niemals nachtragend. Bevor die ihre Strategie ändern können, haben wir das schon längst wieder vergessen und/oder verdrängt.

Wer von euch ohne SĂĽnde ist…

Ich bin definitiv nicht ohne Sünde. Aber ich denke trotzdem, ich darf mal einen Stein werfen; vielleicht schlägt er ja ein paar Wellen. Mittlerweile sehe ich es sogar als meine persönliche Pflicht an. Eine Pflicht, die vielleicht jeder einmal für seinen eigenen Handlungsbereich und sein persönliches Umfeld in Betracht ziehen sollte.

Aber liebe Leute, eines kann ich Euch schon sagen: Das macht echt keinen SpaĂź, und Freunde machst Du Dir damit auch nicht.

Worum geht es ĂĽberhaupt

Es geht mir aber überhaupt nicht darum, ob Amazon, Apple, Primark und Nestlé noch fetter und größer werden, welche Geschäftsgebaren sie an den Tag legen oder welche Produkte sie verkaufen2.

Es geht mir einzig und alleine darum, wie wir es immer wieder schaffen, uns selbst aus der Gleichung zu nehmen, nur um unser Gewissen zu beruhigen. Wegschauen, Ignorieren und Verdrängen sind allerdings keine wirklich guten Strategien, falls man ehrlich eine Veränderung anstrebt.

Aber eigentlich kauft ja auch kaum jemand bei Amazon. Die Wenigsten kaufen auch die ganzen Produkte von den anderen bösen, großen Konzernen, so ist es zumindest in meinem Bekanntenkreis. Die essen auch kaum Fleisch, und wenn, dann kaufen sie das immer nur beim Bio-Bauern. Mit den Anderen, also der breiten Masse (ca. 95 %), habe ich quasi keinen Kontakt. Die gehen mir alle aus dem Weg. Die kenne ich nur als anonyme Zahl in irgendeiner Statistik. Mittlerweile bin ich mir fast sicher, die laufen gar nicht frei herum, also wohnen die irgendwie in ihren Statistiken.

„Ich liebe Amazon“

Ich versuche, das Ganze mal am Beispiel Amazon zu verdeutlichen. Ich gebe es ehrlich zu. Denn ehrlich sein ist ganz einfach und schafft einen klaren Kopf. Wenn ich in Deutschland bin, kaufe ich dort fast alles ein, was ich zum Leben brauche. Ich freue mich über jede neue Produktkategorie. Außer frische Lebensmittel, die besorge ich mir auf dem Wochenmarkt oder bei “meinem”3 Türken.

Shoppen, bis der Arzt kommt

Generell hasse ich es, einzukaufen. Ich finde es “abartig”, mich in die Stadt zu quälen, um dort “shoppen zu gehen” (alleine die Wortkombination lässt mich erschaudern). Lustgewinn durch Kaufen. Das funktioniert bei mir nicht, und ehrlich gesagt finde ich das auch nicht so schlimm. Lieber alles schnell erledigen – rein, raus, fertig. Den zeitlichen Aufwand möchte ich so gering wie möglich halten. So ähnlich wie Zähneputzen oder Haarewaschen – frei nach dem Motto „so schnell wie möglich, so lange wie nötig“. Diesbezüglich passt Amazon einfach perfekt.

Kein Mitleid für die Händler

Ich bemitleide auch nicht per se die Buchhändler (oder alle anderen Händler), die sich wegen Amazon stark umstellen oder sogar ihr Geschäft aufgeben mussten. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Prä-Amazon-Ära erinnern, ist ja noch nicht so lange her. Nicht selten hatte man es mit unfreundlichen, unmotivierten oder uninformierten Verkäufern oder Händlern zu tun. Außerdem musste man stundenlang in Innenstädten und irgendwelchen Läden um­her­ir­ren, um das passende Produkt zu finden.

Ignoranz und Arroganz

Und was passierte, als die Präsenz von Amazon nicht mehr zu leugnen war? Oftmals immer noch nicht viel! „Ich bin Jack’s vollkommenes Defizit an Überraschungen…“ Lange Zeit wurde trotzdem an alten Strukturen festgehalten, die Realität verleugnet oder sich über den neuen Konkurrenten lustig gemacht. Gleichzeitig hat man ihn damit nicht einmal ernst genommen oder zumindest stark unterschätzt.

Amazon hatte leichtes Spiel, der Weg war frei. Und die lokalen Händler kümmerten sich quasi selbsttätig um die Werbung für den neuen Mitspieler.

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Erst, als dann auch der letzte lokale Händler merkte, dass der Wandel unaufhaltsam war, fand teilweise ein Umdenken statt. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt schon einige Schiffe gesunken. Die Folge: unkontrollierter Aktionismus. Jetzt ruderte plötzlich jeder um sein Leben, der Kunde war wieder König; verzweifelt hisste man die Service-Flagge. Für viele allerdings kam jede Rettung zu spät – sie gingen einfach unter in dieser bis heute andauernden epischen Schlacht.

Eisberg voraus

Komischerweise gab es aber auch noch eine andere Sorte von Händlern. Sie haben den Eisberg schon von Weitem gesehen und die Gefahr entsprechend ernst genommen. Sie haben die Situation analysiert und Entscheidungen getroffen. Umstrukturierung oder Neuanfang. Chancen und Risiken abwägen, Nischen besetzen, Neues ausprobieren und nach vorne schauen, das waren ihre Leitsätze.

Sie haben nicht arrogant und überheblich an alten Mustern geklebt. Sie haben sich rechtzeitig einen Platz im Rettungsboot reserviert. Und viele von diesen Händlern, das unterstelle ich einfach einmal, wollen heute bestimmt nicht mehr zurück, auf ihren alten Dampfer. Ja, echt komisch!

Vorwärts immer rückwärts nimmer

Und was bedeutet das jetzt? Nichts. Genauer gesagt, nicht Besonderes. Das ist nun mal der Lauf der Dinge, ganz einfach. Altes vergeht und Neues entsteht. “Vorwärts immer, rückwärts nimmer”4.

Und bei allem Schlechten, was man Amazon jetzt nachsagen oder sicher auch anrechnen muss, ist doch wohl auch offensichtlich, dass in der Tat sehr viel Neues entstanden ist. Neue Händler, neue Arbeitsplätze, neue Produkte, neue Geschäftsbeziehungen, mehr Markttransparenz, usw.. Die Welt ist eben nicht nur Schwarz oder Weiß, und das ist auch gut so.

Jetzt könntest Du vielleicht einwenden: “Ja klar, du alter Bock, du blöder Honk, du hast gut reden, du bist ja auch nicht persönlich betroffen!” Aber Obacht! Das entspricht nicht so ganz den Tatsachen. Ich habe in meinem Leben schon so einiges gemacht, aber in zwei (sehr unterschiedlichen) Berufen, war ich jeweils mehr als zehn Jahre tätig.

FĂĽr beide habe ich eine mehr oder weniger lange Ausbildung absolviert und mich aktiv fortgebildet. (Nichts Akademisches oder so, dazu fehlt mir der Grips) Der Einsatz hat sich aber, langfristig gesehen, nicht ausgezahlt. Mein erster Ausbildungsberuf ist komplett verschwunden, und das zweite Berufsbild verdĂĽnnisiert sich auch zusehends.

Das ist vielleicht schade, aber nicht zu ändern. Kürschner und Hufschmiede siehst Du heute auch nicht mehr an jeder Straßenecke, so wie es früher gang und gebe war – und so lange ist das ja auch noch nicht her.

Verlogene Anteilnahme auf Facebook

Besonders “lustig” finde ich dann aber diejenigen, die zwar schon seit zehn Jahren nichts mehr bei ihrem lokalen Händler gekauft haben, aber wenn die Bude dann Konkurs anmeldet, können sie ihre “aufrichtige” Anteilnahme einfach nicht mehr zurückhalten. Jeder muss noch mal schnell und natürlich öffentlich sein verlogenes Mitgefühl heucheln.

Ein Wettstreit von Trauer, Herzschmerz und romantischen Kindheitserinnerungen geben sich ein Stelldichein. Man möchte am liebsten sofort in Tränen ausbrechen – und sich gleichzeitig übergeben.

Rettung in Sicht, fĂĽr die zerbrochenen Seelen

Aber keine Sorge, Rettung naht, wenn auch nicht, für den kleinen Krämerladen der jetzt seine Angestellten feuern und die Butze dicht machen muss. Aber immerhin, den wahrhaft trauernden Seelen auf Facebook, denen kann schnell geholfen werden. Der Schuldige ist zum Glück bald identifiziert und wurde ordnungsgemäß an den Pranger gestellt. Sie soll brennen, die Hexe! Die heilige Inquisition lässt grüßen.

Von nun an können alle ihrem ungezügelten Hass freien Lauf lassen. Und, wer ist wohl das schreckliche Monster? Genau: Der böse, böse Amazon, der hat wieder einmal einen armen, kleinen Händler zum Frühstück verschluckt, denn darin sind sich alle sofort einig. (Das gesamte Schauspiel findet natürlich auf Facebook statt – ?!?) Also, wenn das kein Zynismus ist.

Offen und ehrlich

Aber noch einmal: “Ich liebe Amazon”, und sage das hier offen und ehrlich. Mir ist vollkommen bewusst, was das bedeutet. Ich weiß, dass das nicht die “Guten” sind. Aber ich treffe eine Entscheidung und stehe dazu. Ich lebe gleichfalls mit den Konsequenzen, das ist doch logisch. Ich verleugne nichts und übernehme die Verantwortung für mein Handeln. Wo ist das Problem?

Hält diese Liebe ewig? Werde ich meine Entscheidung bereuen? Was bringt die Zukunft? Keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen? Aber das spielt doch auch keine Rolle. Sämtliche Verhaltensweisen müssen ständig neu überdacht und kontrolliert werden. Das ist ebenfalls ein natürlicher fortlaufender Prozess. Man checkt die Sachlage, wägt neu ab, und daraufhin fährt man fort wie bisher oder revidiert seine Entscheidung und geht neue Wege.

Möge die Macht mit Dir sein

Aber der Punkt ist doch der: Du hast die Macht! Lass Dir doch nicht einreden, Du könntest nichts ausrichten oder nur die Anderen sitzen am längeren Hebel. Jeder Einzelne kann alles verändern, Du musst es nur auch tun! Wie das alte Sprichwort schon sagt: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”.

Du alleine entscheidest, welche Produkte Du kaufst und welche Du im Regal liegen lässt. Du alleine entscheidest, ob Du Deinen lokalen Händler unterstützen möchtest oder nicht. Du alleine entscheidest, auf welcher Seite der Macht Du stehen möchtest. Fertig, das ist auch schon alles – der Rest ergibt sich von alleine. Die Beweise liegen uns doch in ausreichender Menge als gesicherte Erkenntnisse und für jeden offensichtlich vor. Das kann doch wohl heute keiner mehr ernsthaft leugnen wollen.

Wir sind das Volk

Ist das alles schon wieder in Vergessenheit geraten? Früher sind die Menschen tatsächlich noch auf die Straße gegangen, um für ihre Überzeugungen einzutreten. Und ich meine jetzt nicht nur das Volk in der (ehemaligen) DDR. Nein, überall in der Geschichte wurde immer auch gekämpft. Ganz oben auf der Liste stand stets das Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Entscheidungen. Aber heute sind wir nur noch faul, träge und satt. Stattdessen kämpfen wir gegen Zivilisationskrankheiten. Verrückte Welt!

Wir leben zum Glück nicht in einem Polizeistaat und auch nicht mehr in einer Diktatur. Aber wofür werden diese erkämpften Rechte nun eingetauscht? Drogen fürs Volk: Konsum, Bequemlichkeit und Daily-Soap? Echt jetzt, mehr haben wir nicht mehr zu bieten? Heute kann und darf jeder seine eigenen Entscheidung treffen, und das ist nichts Selbstverständliches, wenn man sich mal in der Welt umschaut.

Lass Dir dieses kostbare Privileg nicht nehmen. Gib dieses mächtige Schwert nicht freiwillig aus der Hand und lasse Dich damit köpfen. Du bist die wahre Macht. Du kannst alles verändern, wenn Du nur willst.


FuĂźnoten:

1. Mehrere aktuelle Ereignisse veranlassen mich zu diesem Text. Plötzlich, innerhalb von drei Tagen, prasseln sie auf mich ein. Jetzt “muss” ich mich wieder ärgern und aufregen. Doch an sich widerstrebt mir das; ich will mich eigentlich nicht so verhalten, aber ich habe mich nicht im Griff. Obwohl ich mir sicher bin, dass mein Verhalten nicht gut für mein Karma ist, kann ich es nicht lassen.

Ehrlich gesagt, und ich will ja ehrlich sein, finde ich das irgendwie doof und schwach von mir. Andererseits denke ich dann aber wieder: Vielleicht kann ich mit dem kleinen Stein, den ich in den großen Teich werfe, ja doch ein paar Wellen schlagen und irgendetwas Positives bewirken. So gesehen fände ich das dann wieder gut. Wie auch immer, ich habe eine Entscheidung getroffen.
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2. Jedenfalls nicht an dieser Stelle. Selbstverständlich gäbe es da Einiges, was man anführen könnte, wie zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Knebelverträge mit Zulieferern und Händlern, Werbestrategien, Materialien, usw..

Und was ist mit NestlĂ©? Bei dem „Verein“, weiĂź man ja garnicht, wo man anfangen soll. Zerstörter Regenwald, Gentechnik, Kinderarbeit, Sklaverei, ĂĽbelste Massenpropaganda, perverse Manipulation der Menschen und natĂĽrlich die Kontrolle von Trinkwasser in den ärmsten Ländern der Erde.

Über all das kann sich heute jeder in wenigen Minuten über Google, YouTube oder Wikipedia selbst informieren. Dort kann man übrigens auch über erfolgreiche Aktionen lesen, wo sich Menschen gewehrt haben und selbst Nestlé zum Handeln gezwungen haben.

Wie gesagt, da gäbe es so einiges, aber nicht hier und heute. Heute geht es nur um unseren Handlungsbereich und die Macht, die wir als „Verbraucher“ besitzen.
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3. Nein, es ist nicht wirklich mein Türke, also, ich meine, ich besitze ihn nicht. Es wurde nicht klammheimlich (offiziell) die Leibeigenschaft eingeführt. Ich finde nur diese Redewendung, immer wenn ich sie höre, so interessant und eigenartig. Deshalb verwende ich sie auch einmal. Langfristig übrigens eine schlaue Strategie der Türken, den Obst- und Gemüsesektor zu kontrollieren – die lassen sich schwieriger durch Onlineshops ersetzen.
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4. Falls jemandem das Zitat nicht bekannt sein sollte: Erich Honecker. In der Gründerzeit der DDR geprägte Losung. Zitiert in der Festansprache zum 40. Jahrestag der DDR, 7. Oktober 1989. Allerdings hat er es wohl auch “nur” zitiert, aber trotzdem ergibt das eine lustige Anekdote, wie ich finde. Die entsprechenden Links: WikiquoteYouTube
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Ein junges Pärchen steht Rücken an Rücken - Sie haben Waffen in der Hand

Beziehungsdiskussion am Nebentisch

Vorwurf und Verteidigung

Leider bin ich gestern unfreiwillig stiller Zeuge einer Diskussion geworden, die ein Pärchen am Nebentisch führte. Nein, es war überhaupt nicht amüsant. Es hat mich zurückversetzt in die Vergangenheit, in eine Zeit, als ich auch noch diese Art von Diskussionen geführt habe.
Und obwohl ich einerseits froh war, kein Bestandteil zu sein, stimmte es mich traurig, dass diese „Konversationen“ ĂĽberhaupt gefĂĽhrt werden, bzw. es irgendwann darauf hinaus läuft, dass man sie fĂĽhrt.

Das Karussell im Kopf

Immer wieder schnappte ich Wortfetzen und bekannte PlattitĂĽden auf, die ich selbst schon viel zu häufig gehört und leider auch verwendet habe. Es war die Rede von „definitiv habe ich, hast du“, „im Grunde ja, aber…“ und „ganz ehrlich ja, aber nein“.

Das „Vorwurfskarussell“, wie ich mal bei Marc-Uwe Kling in den Känguru-Chroniken gelernt habe, wird angeschmissen und ist dann nicht mehr aufzuhalten. Es dreht sich, scheinbar unaufhaltsam, immer schneller. Du kannst es nicht mehr anhalten, Du verlierst die Orientierung, und dann, wie ein Automatismus, willst Du nur noch Deine Position verteidigen. Er sagt, sie sagt, das ist bald alles egal. Ein Wort gibt das andere, und irgendwann ist allen nur noch schwindelig. Du willst Dich ĂĽbergeben.

Als ob hier ein innerer Trieb mit dem primären Ziel der Zerstörung genetisch einprogrammiert wäre, ohne Sinn und Verstand. Hauptsache, am Ende ist mehr kaputt als am Anfang.

Ein durch und durch destruktives Unterfangen mit keinem Ergebnis, geschweige denn Mehrwert fĂĽr die beteiligten Parteien. Trotzdem zieht jeder in die blutige Schlacht, und das mit einem bedingungslosen Siegeswillen, egal was es kostet. Denn erfahrungsgemäß kann ich bestätigen; es kostet, und zwar nicht nur „etwas“, sondern viel.

Du musst immer den Preis zahlen

Achtung, Vertrauen, Liebe, Nähe und noch vieles mehr kosten diese Diskussionen, und Du musst immer den Preis zahlen – solche Schlachten gibt es nicht umsonst, so viel ist sicher. Komisch nur, dass die Akteure dies doch eigentlich gar nicht wollen. Im Grunde ihres Herzens, dort, wo einst die Liebe für den Anderen wohnte und emotional tief verwurzelt war, will man das doch überhaupt nicht. Ein Paradoxon. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht?

Meine Prämisse ist ja mittlerweile, dass dieses ganze System der Monogamie und langfristigen Beziehung ein Märchen ist. Gebaut auf dem Fundament fehlgeleiteter Romantik und Moralvorstellungen. Eine vergangene Epoche. Auch die Kirche und/oder der Glaube haben an diesem Gedankenkonstrukt einen nicht unerheblichen Anteil. Ob Du jetzt besonders gläubig bist oder nicht; das kollektive Bewusstsein, Erziehung und falsche Wert- oder Moralvorstellungen steuern ihren Anteil bei jedem von uns und auch bei Dir bei. Sie halten Dich auf Kurs.

Und dann, irgendwann, wenn Du GlĂĽck hast und endlich der „richtige“ Partner gefunden ist, dann kommt dieser Tag. Peng. Dir schwant, da stimmt was nicht, es ist anders als Du es Dir vorgestellt hast – Du musst etwas unternehmen!

Panik! Natürlich suchst Du nicht zuerst bei Dir nach Gründen, Ursachen und Fehlern; Dein Plan ist ja perfekt! Der Andere muss nur auf Kurs gebracht werden, nur eine kleine Korrektur, das ist alles. Das ist doch logisch, wenn der Andere nur nicht so störrisch wäre, einfach einlenken würde, dann wäre alles ganz einfach, ist doch logisch, wieso nur erfährst Du keine Zustimmung?

Der totale Krieg

Der dumme Molch hat einen anderen Plan, eine andere Vorstellung vom GlĂĽck. Auch er/sie verteidigt seine Ideen mit allen Waffen, die zur VerfĂĽgung stehen. Startschuss. Der totale Krieg.

Anfangs bist Du noch zurĂĽckhaltend, drĂĽckst nicht auf den roten Knopf, lässt die Atombombe im unterirdischen Bunker. Nur ab und zu ein kleiner Nadelstich, ein „kontrolliertes“ ScharmĂĽtzel. Da ist Dir noch nicht bewusst, dass dies der Anfang vom Ende ist; vielleicht freust Du Dich, ĂĽber eine gewonnene Schlacht. Ein schwerer Fehler, denn es wird keinen Gewinner geben. Du verlierst, Dein Partner verliert, immer.

Stück für Stück geht ein kleiner Teil vom Glück verloren. Ja und dann, irgendwann, sitzt Du im Restaurant und diskutierst Dich um den Verstand, genau wie das traurige Pärchen, das ich gerade beobachte. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte es nur so weit kommen? Dein Ego hat Dich reingelegt, Du hast Dich selbst gefickt, alles ist im Arsch.

Nun ist die Grenze überschritten, für immer. Ab hier schaffen es nur noch die Wenigsten. Der Weg zurück ist fast unmöglich. Sich wieder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen; sich wieder zu befreien, von Unsicherheit, Misstrauen, Verzweiflung und geplatzten Träumen. Fast unmöglich. Wenn Du erst einmal an diesem Punkt angelangt bist, habt Ihr eine Menge dafür getan. Ihr habt viel Energie und Zeit investiert, Euch gegenseitig zu zerstören.

Nur etwas fĂĽr wahre Fighter

Warum solltest Du nun Deinen Standpunkt und Deine Argumentationskette negieren? Vollbremsung bei Tempo 180? Wenden auf der Autobahn? Eine echt schwere Kiste und nur was fĂĽr Profis, die erneut und vor allem ehrlich bereit sind, alles zu investieren. Das ist unendlich schwer, wenn Du kraftlos und mit leerem Tank unterwegs bist. Nur was fĂĽr wahre Fighter, nur was fĂĽr ein Team mit ganz dicken Eiern.

Ja, Wunder geschehen immer wieder, allerdings ist leider etwas vollkommen Anderes die Regel. Der Horror zeigt seine hässliche Fratze. Der Alptraum beginnt. Eine „Beziehung“, die den Namen nicht mehr verdient, die nur noch zusammengehalten wird von Angst und Verachtung.

Angst, sein Leben alleine zu verbringen, alles noch einmal zu durchleben, mit dem Ergebnis, am Ende doch nichts „Besseres“ zu finden. Verachtung, die Du gleichermaĂźen fĂĽr Dich und Deinen Partner empfindest. Aber hey, immerhin ist dies ja noch ein GefĂĽhl. Daran hältst Du Dich nun fest. Ab jetzt befindest Du Dich in einer Hassliebe. Herzlichen GlĂĽckwunsch!

Die Jahre ziehen ins Land, nichts passiert. Nur die negativen GefĂĽhle gewinnen noch an Kraft. Du hast schon vor langer Zeit resigniert, aber auch das ist Dir mittlerweile egal. Ein Tag ist wie der Andere, Du machst Dir schon lange keine Gedanken mehr, vielleicht empfindest Du es mittlerweile als „normal“. Bei Deinen Freunden ist es ja schlieĂźlich auch nicht anders.

Der Traum vom GlĂĽck

Plötzlich, eines Tages, wenn Du „GlĂĽck“ hast, passiert es dann: Du verliebst Dich erneut. Der Traum vom GlĂĽck flackert auf, eine Glut entflammt. Bald fragst Du Dich erneut: Ist dies nun der/die Richtige, war das Bisherige nur ein Fehlschlag, hatte ich vielleicht nur Pech? Hoffnung keimt auf, und der Kreislauf beginnt von vorne.

Ja, manche haben Glück. Sie finden das richtige Pendant. Selbst ich kenne solche Fälle, allerdings sind sie selten, das ist zumindest meine Erfahrung. Es kann in einer Beziehung nicht jeden Tag rote Rosen regnen. Diskussionen müssen geführt werden, Kompromisse geschlossen. Aber hüte Dich davor, diese unsichtbare Grenze zu überschreiten!

Danach ist alles anders. Diese Wunde heilt nicht mehr, nein, sie eitert. Eine Wiederherstellung der Patienten ist fast unmöglich. Trotzdem, die meisten Menschen wollen einfach glauben. Sie wollen glauben, dass sie das Glück finden, dass sie gesund bleiben, dass das Leben gerecht ist und vor allem zu ihnen fair sein muss. Der Lottogewinn ist in Reichweite – was für ein unrealistisches Märchen.

Ich habe den Glauben verloren

Ich glaube nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es mich auch noch mal erwischt. Was würde ich dann tun? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin nicht mehr auf der Jagd. Diese Taktik verhindert Enttäuschungen, wenn ich keine Beute mache. Vielleicht ist das ein Selbstschutz. Aber vor allem schütze ich die anderen.

Ich verlange vom Leben keine Gerechtigkeit mehr, denn sie steht mir nicht zu. Ich versuche so gut wie möglich alles anzunehmen, egal ob „gut“ oder „schlecht“. Wertung ist nur eine Sache der Perspektive und nicht kausal mit dem Ereignis oder gar mit mir verbunden, eine alte Buddhistische Weisheit. Bevor es nun zu philosophisch wird; ich versuche seit mehreren Jahren einfach diesen Ansatz zu leben, und trotzdem bin ich natĂĽrlich alles andere als perfekt.

FrĂĽher war alles besser

FrĂĽher, in der „guten alten Zeit“, war alles einfacher. Die Beziehungen haben viel länger gehalten. NatĂĽrlich. Die hatten damals ja auch keine andere Wahl, vor allem nicht die Frauen. Finanziell abhängig, ungebildet und ohne Beruf waren sie dem Patriarchat ausgeliefert.
Eine schöne Zeit für die Männer? Vielleicht, ja. Ich würde allerdings nicht tauschen wollen. Ein Liebchen am Herd, nein danke. Aber vielleicht war es tatsächlich nicht nur besser für die Männer; auch heute gibt es ja wieder viele Beziehungen, die sich bewusst für dieses Modell entscheiden. Na gut. Jeder wie er mag.

Die Vorteile sind offensichtlich. Die Aufgaben, Rechte und Rollen sind klar definiert. Jeder weiß, was er zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bringt nicht nur Vorteile. Du musst ständig Entscheidungen treffen, auch wenn du gar nicht der Typ für Entscheidungen und die daraus folgende Verantwortung bist.

Wer hatte das noch gesagt: „Es kann nicht nur Häuptlinge geben, es braucht auch Indianer“. Der Grad zwischen Macht und Machtmissbrauch ist allerdings nur ein schmaler. Das kannst Du täglich und ĂĽberall beobachten: Es schafft unendlich viel Leid und Probleme.

Das WWW enttäuscht Dich nicht

Es gibt aber auch noch einen anderen Weg, den Dein „Schicksal“ fĂĽr Dich wählen kann. Es ist ein ruhiger und friedlicher Weg, aber nicht weniger hässlich. Anfangs merkst Du es vielleicht nicht mal, doch plötzlich sitzt Du Deinem Partner gegenĂĽber, und Ihr habt Euch nichts mehr zu sagen. Ihr sitzt Euch bereits zwei Stunden im Restaurant am selben Tisch gegenĂĽber, und dann fällt es Dir auf: Ihr habt noch kein einziges Wort gewechselt!

Es ist ja auch längst alles gesagt. Der Raum um Dich herum fühlt sich so klein an wie ein Mauseloch, und gleichzeitig unendlich weit. Fluchtgedanken kommen auf. Aber zum Glück gibt es ja heute Alternativen. Man muss sich nicht mehr zwanghaft unterhalten. Du kannst auch alleine surfen, im WWW. Ihr starrt beide auf Euer Smartphone. Perfekt. Ihr habt einen Ausweg gefunden. So lässt es sich leben.

Ja, es gibt langfristige und glückliche Beziehungen, nur leider sehr selten. Das sind die Ringeltauben. Und ich, ich habe persönlich den Glauben daran längst verloren, auch wenn sich das sehr negativ anhört.

Glückliche Beziehungen sind möglich

Ad hoc kommen mir mindestens fünf Freunde in den Sinn, die mich Lügen strafen und mir aufs Äußerste widersprechen würden. Tief im Inneren meines Herzens, beneide ich sie, glaube ich zumindest. Sie haben den Glauben nicht verloren, sie sind noch romantisch, wahre Liebe ist ein reales Ziel. Wie gerne würde ich es ihnen gleich tun und den grauen Schleier von meiner besudelten, unreinen Seele wischen. Auch einfach glauben, hoffen. Wäre dies nicht einfacher?

Ja, vielleicht, sicher bequemer. Aber: Ich will das nicht mehr. Vor allem will ich keinen Schmerz mehr verursachen, nie mehr. Der Schmerz des Anderen ist auch mein Schmerz, obwohl dies im Moment der Trennung für den Partner naturgemäß kaum ersichtlich ist. Eine zerstörte Seele, Tränen, verbrannte Erde, Hass und Unverständnis. Das Destillat einer romantischen Beziehung. Nein, ich will das nicht mehr. Ich bin fertig damit. Ich bin zu einer langfristigen Beziehung nicht fähig. Im Gegenteil. Ich bin unfähig.

Alte Kamellen

Gibt es einen Lösungsansatz? Ja. Alte Kamellen, nichts, was nicht schon Tausend mal von tausend schlauen Leuten proklamiert wurde. Das Rezept ist nämlich nicht das Problem, die Umsetzung ist die wahre Challenge. Das Ankämpfen gegen Deine Natur, über Deinen eigenen Schatten springen, Dein Herz öffnen und ehrlich sein, mit Leib und Seele.

Hört sich doch einfach an… oder?