Beziehungsdiskussion am Nebentisch

Vorwurf und Verteidigung

Leider bin ich gestern unfreiwillig stiller Zeuge einer Diskussion geworden, die ein Pärchen am Nebentisch führte. Nein, es war überhaupt nicht amüsant. Es hat mich zurückversetzt in die Vergangenheit, in eine Zeit, als ich auch noch diese Art von Diskussionen geführt habe.
Und obwohl ich einerseits froh war, kein Bestandteil zu sein, stimmte es mich traurig, dass diese „Konversationen“ ĂĽberhaupt gefĂĽhrt werden, bzw. es irgendwann darauf hinaus läuft, dass man sie fĂĽhrt.

Das Karussell im Kopf

Immer wieder schnappte ich Wortfetzen und bekannte PlattitĂĽden auf, die ich selbst schon viel zu häufig gehört und leider auch verwendet habe. Es war die Rede von „definitiv habe ich, hast du“, „im Grunde ja, aber…“ und „ganz ehrlich ja, aber nein“.

Das „Vorwurfskarussell“, wie ich mal bei Marc-Uwe Kling in den Känguru-Chroniken gelernt habe, wird angeschmissen und ist dann nicht mehr aufzuhalten. Es dreht sich, scheinbar unaufhaltsam, immer schneller. Du kannst es nicht mehr anhalten, Du verlierst die Orientierung, und dann, wie ein Automatismus, willst Du nur noch Deine Position verteidigen. Er sagt, sie sagt, das ist bald alles egal. Ein Wort gibt das andere, und irgendwann ist allen nur noch schwindelig. Du willst Dich ĂĽbergeben.

Als ob hier ein innerer Trieb mit dem primären Ziel der Zerstörung genetisch einprogrammiert wäre, ohne Sinn und Verstand. Hauptsache, am Ende ist mehr kaputt als am Anfang.

Ein durch und durch destruktives Unterfangen mit keinem Ergebnis, geschweige denn Mehrwert fĂĽr die beteiligten Parteien. Trotzdem zieht jeder in die blutige Schlacht, und das mit einem bedingungslosen Siegeswillen, egal was es kostet. Denn erfahrungsgemäß kann ich bestätigen; es kostet, und zwar nicht nur „etwas“, sondern viel.

Du musst immer den Preis zahlen

Achtung, Vertrauen, Liebe, Nähe und noch vieles mehr kosten diese Diskussionen, und Du musst immer den Preis zahlen – solche Schlachten gibt es nicht umsonst, so viel ist sicher. Komisch nur, dass die Akteure dies doch eigentlich gar nicht wollen. Im Grunde ihres Herzens, dort, wo einst die Liebe für den Anderen wohnte und emotional tief verwurzelt war, will man das doch überhaupt nicht. Ein Paradoxon. Was hat sich die Natur nur dabei gedacht?

Meine Prämisse ist ja mittlerweile, dass dieses ganze System der Monogamie und langfristigen Beziehung ein Märchen ist. Gebaut auf dem Fundament fehlgeleiteter Romantik und Moralvorstellungen. Eine vergangene Epoche. Auch die Kirche und/oder der Glaube haben an diesem Gedankenkonstrukt einen nicht unerheblichen Anteil. Ob Du jetzt besonders gläubig bist oder nicht; das kollektive Bewusstsein, Erziehung und falsche Wert- oder Moralvorstellungen steuern ihren Anteil bei jedem von uns und auch bei Dir bei. Sie halten Dich auf Kurs.

Und dann, irgendwann, wenn Du GlĂĽck hast und endlich der „richtige“ Partner gefunden ist, dann kommt dieser Tag. Peng. Dir schwant, da stimmt was nicht, es ist anders als Du es Dir vorgestellt hast – Du musst etwas unternehmen!

Panik! Natürlich suchst Du nicht zuerst bei Dir nach Gründen, Ursachen und Fehlern; Dein Plan ist ja perfekt! Der Andere muss nur auf Kurs gebracht werden, nur eine kleine Korrektur, das ist alles. Das ist doch logisch, wenn der Andere nur nicht so störrisch wäre, einfach einlenken würde, dann wäre alles ganz einfach, ist doch logisch, wieso nur erfährst Du keine Zustimmung?

Der totale Krieg

Der dumme Molch hat einen anderen Plan, eine andere Vorstellung vom GlĂĽck. Auch er/sie verteidigt seine Ideen mit allen Waffen, die zur VerfĂĽgung stehen. Startschuss. Der totale Krieg.

Anfangs bist Du noch zurĂĽckhaltend, drĂĽckst nicht auf den roten Knopf, lässt die Atombombe im unterirdischen Bunker. Nur ab und zu ein kleiner Nadelstich, ein „kontrolliertes“ ScharmĂĽtzel. Da ist Dir noch nicht bewusst, dass dies der Anfang vom Ende ist; vielleicht freust Du Dich, ĂĽber eine gewonnene Schlacht. Ein schwerer Fehler, denn es wird keinen Gewinner geben. Du verlierst, Dein Partner verliert, immer.

Stück für Stück geht ein kleiner Teil vom Glück verloren. Ja und dann, irgendwann, sitzt Du im Restaurant und diskutierst Dich um den Verstand, genau wie das traurige Pärchen, das ich gerade beobachte. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte es nur so weit kommen? Dein Ego hat Dich reingelegt, Du hast Dich selbst gefickt, alles ist im Arsch.

Nun ist die Grenze überschritten, für immer. Ab hier schaffen es nur noch die Wenigsten. Der Weg zurück ist fast unmöglich. Sich wieder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen; sich wieder zu befreien, von Unsicherheit, Misstrauen, Verzweiflung und geplatzten Träumen. Fast unmöglich. Wenn Du erst einmal an diesem Punkt angelangt bist, habt Ihr eine Menge dafür getan. Ihr habt viel Energie und Zeit investiert, Euch gegenseitig zu zerstören.

Nur etwas fĂĽr wahre Fighter

Warum solltest Du nun Deinen Standpunkt und Deine Argumentationskette negieren? Vollbremsung bei Tempo 180? Wenden auf der Autobahn? Eine echt schwere Kiste und nur was fĂĽr Profis, die erneut und vor allem ehrlich bereit sind, alles zu investieren. Das ist unendlich schwer, wenn Du kraftlos und mit leerem Tank unterwegs bist. Nur was fĂĽr wahre Fighter, nur was fĂĽr ein Team mit ganz dicken Eiern.

Ja, Wunder geschehen immer wieder, allerdings ist leider etwas vollkommen Anderes die Regel. Der Horror zeigt seine hässliche Fratze. Der Alptraum beginnt. Eine „Beziehung“, die den Namen nicht mehr verdient, die nur noch zusammengehalten wird von Angst und Verachtung.

Angst, sein Leben alleine zu verbringen, alles noch einmal zu durchleben, mit dem Ergebnis, am Ende doch nichts „Besseres“ zu finden. Verachtung, die Du gleichermaĂźen fĂĽr Dich und Deinen Partner empfindest. Aber hey, immerhin ist dies ja noch ein GefĂĽhl. Daran hältst Du Dich nun fest. Ab jetzt befindest Du Dich in einer Hassliebe. Herzlichen GlĂĽckwunsch!

Die Jahre ziehen ins Land, nichts passiert. Nur die negativen GefĂĽhle gewinnen noch an Kraft. Du hast schon vor langer Zeit resigniert, aber auch das ist Dir mittlerweile egal. Ein Tag ist wie der Andere, Du machst Dir schon lange keine Gedanken mehr, vielleicht empfindest Du es mittlerweile als „normal“. Bei Deinen Freunden ist es ja schlieĂźlich auch nicht anders.

Der Traum vom GlĂĽck

Plötzlich, eines Tages, wenn Du „GlĂĽck“ hast, passiert es dann: Du verliebst Dich erneut. Der Traum vom GlĂĽck flackert auf, eine Glut entflammt. Bald fragst Du Dich erneut: Ist dies nun der/die Richtige, war das Bisherige nur ein Fehlschlag, hatte ich vielleicht nur Pech? Hoffnung keimt auf, und der Kreislauf beginnt von vorne.

Ja, manche haben Glück. Sie finden das richtige Pendant. Selbst ich kenne solche Fälle, allerdings sind sie selten, das ist zumindest meine Erfahrung. Es kann in einer Beziehung nicht jeden Tag rote Rosen regnen. Diskussionen müssen geführt werden, Kompromisse geschlossen. Aber hüte Dich davor, diese unsichtbare Grenze zu überschreiten!

Danach ist alles anders. Diese Wunde heilt nicht mehr, nein, sie eitert. Eine Wiederherstellung der Patienten ist fast unmöglich. Trotzdem, die meisten Menschen wollen einfach glauben. Sie wollen glauben, dass sie das Glück finden, dass sie gesund bleiben, dass das Leben gerecht ist und vor allem zu ihnen fair sein muss. Der Lottogewinn ist in Reichweite – was für ein unrealistisches Märchen.

Ich habe den Glauben verloren

Ich glaube nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es mich auch noch mal erwischt. Was würde ich dann tun? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin nicht mehr auf der Jagd. Diese Taktik verhindert Enttäuschungen, wenn ich keine Beute mache. Vielleicht ist das ein Selbstschutz. Aber vor allem schütze ich die anderen.

Ich verlange vom Leben keine Gerechtigkeit mehr, denn sie steht mir nicht zu. Ich versuche so gut wie möglich alles anzunehmen, egal ob „gut“ oder „schlecht“. Wertung ist nur eine Sache der Perspektive und nicht kausal mit dem Ereignis oder gar mit mir verbunden, eine alte Buddhistische Weisheit. Bevor es nun zu philosophisch wird; ich versuche seit mehreren Jahren einfach diesen Ansatz zu leben, und trotzdem bin ich natĂĽrlich alles andere als perfekt.

FrĂĽher war alles besser

FrĂĽher, in der „guten alten Zeit“, war alles einfacher. Die Beziehungen haben viel länger gehalten. NatĂĽrlich. Die hatten damals ja auch keine andere Wahl, vor allem nicht die Frauen. Finanziell abhängig, ungebildet und ohne Beruf waren sie dem Patriarchat ausgeliefert.
Eine schöne Zeit für die Männer? Vielleicht, ja. Ich würde allerdings nicht tauschen wollen. Ein Liebchen am Herd, nein danke. Aber vielleicht war es tatsächlich nicht nur besser für die Männer; auch heute gibt es ja wieder viele Beziehungen, die sich bewusst für dieses Modell entscheiden. Na gut. Jeder wie er mag.

Die Vorteile sind offensichtlich. Die Aufgaben, Rechte und Rollen sind klar definiert. Jeder weiß, was er zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bringt nicht nur Vorteile. Du musst ständig Entscheidungen treffen, auch wenn du gar nicht der Typ für Entscheidungen und die daraus folgende Verantwortung bist.

Wer hatte das noch gesagt: „Es kann nicht nur Häuptlinge geben, es braucht auch Indianer“. Der Grad zwischen Macht und Machtmissbrauch ist allerdings nur ein schmaler. Das kannst Du täglich und ĂĽberall beobachten: Es schafft unendlich viel Leid und Probleme.

Das WWW enttäuscht Dich nicht

Es gibt aber auch noch einen anderen Weg, den Dein „Schicksal“ fĂĽr Dich wählen kann. Es ist ein ruhiger und friedlicher Weg, aber nicht weniger hässlich. Anfangs merkst Du es vielleicht nicht mal, doch plötzlich sitzt Du Deinem Partner gegenĂĽber, und Ihr habt Euch nichts mehr zu sagen. Ihr sitzt Euch bereits zwei Stunden im Restaurant am selben Tisch gegenĂĽber, und dann fällt es Dir auf: Ihr habt noch kein einziges Wort gewechselt!

Es ist ja auch längst alles gesagt. Der Raum um Dich herum fühlt sich so klein an wie ein Mauseloch, und gleichzeitig unendlich weit. Fluchtgedanken kommen auf. Aber zum Glück gibt es ja heute Alternativen. Man muss sich nicht mehr zwanghaft unterhalten. Du kannst auch alleine surfen, im WWW. Ihr starrt beide auf Euer Smartphone. Perfekt. Ihr habt einen Ausweg gefunden. So lässt es sich leben.

Ja, es gibt langfristige und glückliche Beziehungen, nur leider sehr selten. Das sind die Ringeltauben. Und ich, ich habe persönlich den Glauben daran längst verloren, auch wenn sich das sehr negativ anhört.

Glückliche Beziehungen sind möglich

Ad hoc kommen mir mindestens fünf Freunde in den Sinn, die mich Lügen strafen und mir aufs Äußerste widersprechen würden. Tief im Inneren meines Herzens, beneide ich sie, glaube ich zumindest. Sie haben den Glauben nicht verloren, sie sind noch romantisch, wahre Liebe ist ein reales Ziel. Wie gerne würde ich es ihnen gleich tun und den grauen Schleier von meiner besudelten, unreinen Seele wischen. Auch einfach glauben, hoffen. Wäre dies nicht einfacher?

Ja, vielleicht, sicher bequemer. Aber: Ich will das nicht mehr. Vor allem will ich keinen Schmerz mehr verursachen, nie mehr. Der Schmerz des Anderen ist auch mein Schmerz, obwohl dies im Moment der Trennung für den Partner naturgemäß kaum ersichtlich ist. Eine zerstörte Seele, Tränen, verbrannte Erde, Hass und Unverständnis. Das Destillat einer romantischen Beziehung. Nein, ich will das nicht mehr. Ich bin fertig damit. Ich bin zu einer langfristigen Beziehung nicht fähig. Im Gegenteil. Ich bin unfähig.

Alte Kamellen

Gibt es einen Lösungsansatz? Ja. Alte Kamellen, nichts, was nicht schon Tausend mal von tausend schlauen Leuten proklamiert wurde. Das Rezept ist nämlich nicht das Problem, die Umsetzung ist die wahre Challenge. Das Ankämpfen gegen Deine Natur, über Deinen eigenen Schatten springen, Dein Herz öffnen und ehrlich sein, mit Leib und Seele.

Hört sich doch einfach an… oder?

 

2 Kommentare

  1. I loved it and see far too much truth in your words! Your arguments are very well put – logically constructed, irrefutable and if one is honest with oneself hard to deny. Wow! I agree with most of it but can’t find it within myself to give up the struggle within myself, which I think is about letting go.

    1. Liebste Paule,
      vielen Dank fĂĽr deinen Kommentar!

      Man sagt ja immer: “Niemals aufgeben!” Eine Parole die, meiner Meinung nach, auch nicht immer angebracht ist. Nicht nur in Beziehungen, sondern generell in vielen Bereichen des Lebens. Manchmal ist es einfach besser, eine Sache zu beenden und etwas Neues anzufangen. Allerdings würde ich das eben auch nicht als “Aufgeben” bezeichnen, sondern vielleicht als: Die Situation analysieren, die Fakten annehmen, sich neu orientieren und nach vorne blicken.

      Im Geschäftsleben gibt es die Redensart: “Man soll gutem Geld kein schlechtes hinterherwerfen”; was ja lediglich bedeutet, dass es manchmal einfach sinnlos ist, in ein bestimmtes Vorhaben immer weiter zu investieren, “nur” weil man “irgendwie” daran glaubt oder es nicht wahrhaben will.

      Natürlich ist das Gefühlsleben und das Geschäftsleben grundverschieden. Dennoch kann man in einem “Beziehungs-Vertrag” viele Parallelen zu einem “Geschäfts-Vertrag” finden. Eine langfristige Beziehung wird nicht von den anfänglichen “Schmetterlingen im Bauch” getragen. Um die Konstruktion auf Dauer stabil zu halten, wird ein solides Fundament benötigt genauso, wie in einer geschäftlichen Beziehung. Und bei einem “guten Geschäft”, ziehen immer beide Parteien ihre persönlichen Vorteile, aus der eingegangenen Bindung.

      Das Blöde ist allerdings, dass derart weitreichende Entscheidungen immer schwierig zu treffen sind. Es gibt einfach keine Sicherheiten und niemand kann Dir eine “richtige” Antwort geben, denn theoretisch kann ja auch alles ganz anders kommen, möglich ist eben alles. Am Ende musst Du eine Entscheidung treffen, mit der Du leben kannst und Du musst die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Genau das ist ja das Unangenehme an solchen Entscheidungen.

      Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du eine “gute” Entscheidung triffst, mit der Du langfristig glücklich wirst, wie auch auch immer diese aussehen mag.

      Liebste GrĂĽĂźe
      Frank

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